Stephan Schmidt ⸺ 11. February 2026

Die Formel


TL;DR: Zeev Sternhell, Holocaust-Überlebender und israelischer Politikwissenschaftler, zeigte: Die faschistische Ideologie entstand nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, sondern aus einer Synthese von organischem Nationalismus und anti-materialistischer Revision des Marxismus ⁓ in Frankreich, vor 1914. Der Schlüssel ist der Anti-Materialismus: eine Revolte gegen Aufklärung, Individualismus und Rationalismus, die sowohl Liberalismus als auch Marxismus verwarf. Sternhell unterschied scharf zwischen Faschismus und Nationalsozialismus ⁓ nur im NS war biologischer Determinismus das Zentrum. Seine Thesen machten ihn zum Feind aller Lager. Ausgerechnet Deutschland, das Land des Nationalsozialismus, hat den Historiker, der den Faschismus am gründlichsten analysiert hat, am wenigsten gelesen.

Przemyśl, eine Stadt in Südostpolen nahe der ukrainischen Grenze, hatte vor dem Krieg eine bedeutende jüdische Gemeinde. Von den etwa 17.000 Juden der Stadt überlebten nur wenige hundert die Shoah.

Zeev Sternhell wurde am 10. April 1935 im polnischen Przemyśl in eine jüdische Familie geboren. Sein Vater, ein Tuchmacher, starb früh. Seine Mutter und seine Schwester wurden Opfer der Shoah. Das Kind überlebte die NS-Besatzung im Ghetto seiner Heimatstadt und konnte mit Onkel und Tante fliehen ⁓ gerettet durch die Hilfe zweier katholischer polnischer Familien.1

1946 kam er mit einem Kindertransport nach Frankreich, 1951 übersiedelte er nach Israel. Zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Erfahrungswelten ⁓ und in beiden sollte er Kontroversen auslösen, die bis heute nicht beigelegt sind.

Der Faschismus war für Sternhell keine abstrakte Forschungsfrage. Er hatte ihn am eigenen Leib erfahren, als Kind im Ghetto. 1957 begann er sein Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seine Dissertation von 1969 am Pariser Sciences Po, Maurice Barrès et le nationalisme français (Maurice Barrès und der französische Nationalismus, nicht auf Deutsch erschienen), wies ihn bereits als Vertreter der Ideengeschichtsschreibung aus ⁓ ein Ansatz, den die meisten seiner Kollegen für überholt hielten. Darauf folgten La Droite révolutionnaire (1978, Die revolutionäre Rechte, nicht auf Deutsch erschienen) über die französischen Ursprünge des Faschismus und schließlich Ni droite, ni gauche (1983, Weder rechts noch links ⁓ in zahlreiche Sprachen übersetzt, bis heute nicht ins Deutsche), das Buch, das ihn berühmt und verhasst machte. Le Monde nahm es 1990 in die Liste der vierzig Bücher des Jahrzehnts auf. Der ursprüngliche Verlag Le Seuil weigerte sich, es neu aufzulegen. Sternhell musste nach Belgien ausweichen.

Schalom Achschaw (שלום עכשיו, Peace Now), 1978 von israelischen Reserveoffizieren gegründet, ist die älteste und größte Friedensorganisation Israels.

Sternhell war ein dezidierter Linker. Zehn Jahre lang gehörte er dem Zentralkomitee der israelischen Arbeiterpartei an, als Vertreter des linken Flügels. Bis 1982 nahm er als Offizier an allen israelischen Kriegen teil. Als regelmäßiger Kommentator der linksliberalen Tageszeitung Haaretz und Mitbegründer der Organisation Schalom Achschaw war er eine der wichtigsten Stimmen der israelischen Friedensbewegung. Er verstand sich als laizistischer Jude und bezeichnete sich selbst als Superzionisten.

Für die israelische Rechte war er ein Hassobjekt. Ein Kopfgeld von einer Million Schekel wurde auf ihn ausgesetzt. 2008 verübte ein Aktivist der extremen Rechten einen Bombenanschlag auf ihn ⁓ Sternhell überlebte verletzt. Im selben Jahr erhielt er den Israel-Preis, die höchste Auszeichnung des Staates, für sein wissenschaftliches Lebenswerk. Bis zuletzt kritisierte er die Rechtsregierungen unter Netanjahu als Gefahr für die israelische Demokratie.

Am 21. Juni 2020 starb Zeev Sternhell in Jerusalem. Der Faschismus, der seine Kindheit zerstört hatte, war sein Lebensthema geblieben ⁓ nicht als Obsession, sondern als intellektuelle Notwendigkeit. „Der Faschismus wurde nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geboren und starb auch nicht in den Ruinen von Berlin", schrieb er. „Was für eine Zukunft wir uns auch immer vorstellen mögen, diese Rechte wird immer Teil unserer Welt sein."

Sternhells Lebenswerk kreist um eine These, die er in The Birth of Fascist Ideology (1994) auf ihre klarste Form brachte: Die faschistische Ideologie war „eine Synthese von organischem Nationalismus und anti-materialistischer Revision des Marxismus."2 Kein Unfall der Geschichte, kein Betriebsunfall des Ersten Weltkriegs ⁓ sondern das Produkt einer intellektuellen Entwicklung, die ein Vierteljahrhundert vor dem Krieg begann.

Jakobinischer Nationalismus: universalistisch, auf Staatsbürgerschaft und Rechten beruhend. Der neue Nationalismus: partikularistisch, organisch, auf Blut und Boden beruhend.

Die erste Komponente war ein neuer, tribaler Nationalismus, der am Ende des 19. Jahrhunderts den jakobinischen Nationalismus der Französischen Revolution ablöste. Maurice Barrès, über den Sternhell 1969 promoviert hatte, war dessen wichtigster Theoretiker in Frankreich. Seine Formel la Terre et les Morts ⁓ das Land und die Toten ⁓ war, wie Sternhell schrieb, nichts anderes als das französische Gegenstück zu Blut und Boden. Barrès war einer der ersten Denker in Europa, der den Begriff Nationalsozialismus verwendete ⁓ 1898, in Le Courrier de l’Est.3

Die zweite Komponente war eine bestimmte Revision des Marxismus: nicht von rechts, nicht von liberalen Ökonomen, sondern von innen, von linken Dissidenten. Georges Sorel, der ehemalige marxistische Theoretiker, ersetzte den Rationalismus und Materialismus des Marxismus durch Bergsons Intuition, Le Bons Massenpsychologie und Nietzsches Kult der Revolte. Was übrig blieb, war ein Sozialismus ohne Materialismus ⁓ eine „Philosophie der Aktion, gegründet auf Intuition, den Kult der Energie und des élan vital."4

Integraler Nationalismus (nationalisme intégral): Charles Maurras’ Konzept eines totalen Nationalismus, der alle Lebensbereiche der Nation unterordnet ⁓ anti-demokratisch, anti-liberal, anti-parlamentarisch. Die Action française war seine politische Bewegung. Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865), französischer Anarchist und Sozialist. Der Cercle wählte ihn als Namenspatron, weil sowohl die revolutionären Syndikalisten als auch die Nationalisten ihn als Vorläufer beanspruchten.

Die beiden Strömungen trafen sich am 16. Dezember 1911 im Cercle Proudhon. Auf der einen Seite standen führende Ideologen des integralen Nationalismus der Action française, auf der anderen führende Intellektuelle der revolutionären Syndikalisten. Georges Valois und Édouard Berth organisierten das Treffen. In Valois’ eigenen Worten sollte der Cercle „eine gemeinsame Plattform für Nationalisten und linke Antidemokraten" bieten.5 Was die integralen Nationalisten und die revolutionären Syndikalisten verband, war ihr gemeinsamer Feind: die liberale Demokratie, der Parlamentarismus, die bürgerliche Gesellschaft und das Erbe der Aufklärung.

Die Nationalisten entdeckten die soziale Frage für sich, die revolutionären Syndikalisten im Gegenzug den Wert der Nation. Das Ergebnis musste den Zeitgenossen tatsächlich als weder rechts noch links erscheinen ⁓ es vereinte Elemente beider Pole. Es war die Geburtsstunde der faschistischen Ideologie nach Sternhell. Der Cercle selbst war kurzlebig, aber seine Ideen reisten über die Alpen: Mussolini, der ehemalige Sozialist, vollzog in Italien dieselbe Synthese, die in Frankreich theoretisch vorbereitet worden war.

Was Sternhell damit behauptete, war eine dreifache Provokation. Erstens: Der Faschismus war keine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, sondern seine Ideologie war vor dem Krieg bereits vollständig ausgebildet. „Im Faschismus der Zwischenkriegszeit gab es nicht eine einzige wichtige Idee, die nicht im Vierteljahrhundert vor August 1914 gereift wäre." Zweitens: Die Idee des Faschismus entstand nicht zuerst in Italien, sondern in Frankreich. Drittens: Er entstand nicht am rechten Rand, sondern aus einer Verbindung von rechts und links ⁓ von Nationalismus und einer revidierten Form des Sozialismus.

Die Formel Nationalismus + Sozialismus beschreibt die Komponenten. Aber was trieb sie zusammen? Der Schlüssel zum Verständnis von Sternhells Werk liegt in einem Begriff, den er ins Zentrum seiner Analyse stellt: Anti-Materialismus. Nicht der Nationalismus allein und nicht der Sozialismus allein bringt den Faschismus hervor ⁓ sondern eine bestimmte Revolte gegen den Materialismus, die beide Strömungen verbindet. „Faschismus war Anti-Materialismus in seiner reinsten Form", schreibt Sternhell.6

Was ist damit gemeint? Sternhell verwendet den Begriff Materialismus in einem weiten Sinne: Er meint damit die Überzeugung, dass die Gesellschaft existiert, um den Interessen der Individuen zu dienen ⁓ sei es im liberalen Sinne (Wohlstand, individuelle Rechte, Interessenausgleich) oder im marxistischen Sinne (ökonomische Gesetzmäßigkeiten, Klassenkampf, materielle Bedingungen). Beide Traditionen, Liberalismus und Marxismus, waren für Sternhell Erben der Aufklärung des 18. Jahrhunderts: rationalistisch, individualistisch, universalistisch. Der Anti-Materialismus richtete sich gegen beide zugleich.

Ernest Renan (1823–1892), französischer Historiker und Philosoph. Seine Réforme intellectuelle et morale (Geistige und moralische Reform, 1871) gilt als Gründungstext der anti-materialistischen Tradition in Frankreich.

Sternhell zeigt, dass diese Revolte nicht plötzlich ausbrach, sondern eine lange intellektuelle Vorgeschichte hatte. Im Vorwort zu Ni droite, ni gauche (engl. Neither Right nor Left) beginnt er mit Ernest Renan ⁓ und einer überraschenden Datierung. Renans berühmte Réforme intellectuelle et morale (Geistige und moralische Reform, 1871, nicht auf Deutsch erschienen), die als Reaktion auf die Niederlage von 1870 gegen Preußen gilt, enthielt in Wahrheit nichts Neues. Ihre wesentlichen Ideen finden sich bereits in einem Aufsatz, den Renan im November 1869 in der Revue des Deux Mondes veröffentlichte ⁓ fast ein Jahr vor der Schlacht von Sedan.7

Renan verurteilte darin „die Idee der gleichen Rechte aller Menschen" und „jene materialistische Konzeption, die der Demokratie innewohnt." Das durch allgemeines Wahlrecht geformte Frankreich sei „zutiefst materialistisch" geworden; die edlen Anliegen von einst ⁓ Patriotismus, Begeisterung für das Schöne, Liebe zum Ruhm ⁓ seien mit den adligen Klassen verschwunden, die sie verkörpert hatten. Für Sternhell war dies entscheidend: „Es war nicht der Schock der Niederlage von 1870, der die anti-materialistische Reaktion hervorbrachte. Die Ablehnung der Aufklärung, des Individualismus, des Utilitarismus und der bürgerlichen Werte, der Demokratie und der Mehrheitsherrschaft war nicht das Ergebnis einer Konjunktur von Ereignissen und existierte unabhängig von ihnen."

Von Renan zog sich diese Tradition durch ein halbes Jahrhundert französischer Geistesgeschichte. Sternhell verfolgt sie über Barrès und die Nationalisten der 1890er Jahre, über Sorel und die revolutionären Syndikalisten, bis in die 1930er Jahre. Die Generation von 1930 stellte dieselbe Diagnose wie die Generation der Jahrhundertwende: Die bürgerliche Gesellschaft sei dekadent, der Liberalismus erschöpft, der Parlamentarismus ein leeres Ritual, der Marxismus gescheitert. Was fehlte, war eine geistige, moralische, heroische Erneuerung ⁓ eine Revolte des Geistes gegen die Materie.

Emmanuel Mounier (1905–1950), französischer Philosoph, Begründer des Personalismus und der Zeitschrift Esprit (1932). Oft als Vorläufer der christlichen Linken gewürdigt, wird sein Verhältnis zu Vichy bis heute kontrovers diskutiert.

Emmanuel Mounier und seine Zeitschrift Esprit sind für Sternhell das aufschlussreichste Beispiel dafür, wie weit diese Revolte reichte. Mounier war weder Faschist noch wollte er einer sein. Aber seine Ablehnung des Liberalismus, der Demokratie und der Prinzipien der Französischen Revolution ⁓ alles Grundpfeiler seiner Philosophie ⁓ hatte, wie Sternhell zeigt, „Affinitäten zu den Ideen, die von anderen nonkonformistischen Gruppen vertreten wurden, einschließlich jener, die proto-faschistisch oder bereits faschistisch waren."8

Wer die liberale Demokratie bereits theoretisch verworfen hatte, fand in ihrem Zusammenbruch keine Katastrophe, sondern eine Bestätigung. Als Frankreich 1940 fiel, deutete Mounier die Niederlage nicht als militärisches Versagen, sondern als den Zusammenbruch des Liberalismus. Wie Renan siebzig Jahre zuvor suchte er die Ursache nicht in Strategie oder Führung, sondern in der politischen Kultur. Er beteiligte sich an Vichys Bildungssystem. Die Kaderschule von Uriage, eine Einrichtung des Vichy-Regimes nahe Grenoble, wurde zur Verkörperung der Ideen von Esprit ⁓ anti-liberal, anti-materialistisch, auf der Suche nach einem neuen Menschen. Erst als die deutsche Besatzung der freien Zone die Lage unerträglich machte, gingen Mounier und die Mitglieder von Uriage Ende 1942 in den Widerstand.

Für Sternhell ist der Fall Mounier kein Randphänomen, sondern der Kern seiner These: Die anti-materialistische Revolte war so tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelt, dass selbst Intellektuelle, die sich für Gegner des Faschismus hielten, seine Kernideen teilten. Die Grenze zwischen einer philosophischen Kritik am Liberalismus und der Ideologie des Faschismus war fließend ⁓ und sie wurde in Krisenzeiten regelmäßig überschritten.

Sternhell besteht auf einer Unterscheidung, die den Kern seines Arguments trifft: Der Faschismus war keine Antwort auf den Marxismus, sondern eine Revision des Marxismus. Nicht von außen, durch bürgerliche Ökonomen oder konservative Kritiker ⁓ sondern von innen, durch linke Dissidenten, die das System umbauten, bis nichts mehr davon übrig war.

„Wenn die faschistische Ideologie nicht als eine bloße Antwort auf den Marxismus beschrieben werden kann, so waren ihre Ursprünge andererseits das direkte Ergebnis einer ganz bestimmten Revision des Marxismus. Es war eine Revision des Marxismus und nicht eine Spielart des Marxismus oder eine Konsequenz des Marxismus."9

Georges Sorel hatte den Anfang gemacht. Er ersetzte die rationalistischen, hegelianischen Grundlagen des Marxismus durch Le Bons Massenpsychologie, Bergsons Anti-Cartesianismus und Nietzsches Kult der Revolte. Von Marx blieb die Überzeugung, dass Gewalt die Triebkraft der Geschichte sei ⁓ und sonst fast nichts. Sorels Voluntarismus, sein Mythos des Generalstreiks, sein Kult der Energie und des élan vital waren das Gegenteil des marxistischen Materialismus. Aber sie wurden in marxistischer Sprache formuliert und von der Linken getragen.

Henri De Man (1885–1953), belgischer sozialistischer Theoretiker und Politiker. Vizepräsident, dann Präsident der Belgischen Arbeiterpartei (POB). Sein Hauptwerk erschien im dt. Original als Zur Psychologie des Sozialismus (Jena 1926), die französische Ausgabe unter dem Titel Au-delà du marxisme (Jenseits des Marxismus, 1927).

Henri De Man trieb diese Revision eine Generation weiter. De Man war kein Außenseiter ⁓ er war Vizepräsident, dann Präsident der Belgischen Arbeiterpartei, einer der führenden sozialistischen Theoretiker seiner Zeit. Unter seinen Zeitgenossen konnten, wie Sternhell schreibt, nur Gramsci und Lukács beanspruchen, bedeutender zu sein. Und er machte keinen Hehl aus seinen Absichten. „Damit kein Zweifel an meiner Apostasie besteht", schrieb er 1919, „werde ich sie benennen: die Revision des Marxismus." Ende der 1920er Jahre formulierte er sein Ziel noch deutlicher: die „Liquidierung des Marxismus."10

De Mans Schlüsselgedanke war: Ausbeutung ist kein ökonomisches, sondern ein psychologisches Phänomen. „Der Begriff der Ausbeutung ist ethisch und nicht ökonomisch", schrieb er. Wenn Klassenverhältnisse das Ergebnis subjektiver Gefühle sind, dann muss auch die Lösung psychologischer Natur sein. Man konnte das Leben der Arbeiter grundlegend verändern, ohne die ökonomischen Strukturen anzutasten ⁓ durch Würde, durch Zugehörigkeit, durch das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein statt eines Klassenkampfes. Das war, wie Sternhell zeigt, auch die faschistische Haltung: eine Revolution der Gefühle, nicht der Ökonomie.

Mussolini erkannte sofort, was De Mans Zur Psychologie des Sozialismus bedeutete. In einem Brief an den Autor legte er den Finger auf den entscheidenden Punkt: Das Buch zerstöre „was auch immer an ‚wissenschaftlichem’ Element im Marxismus noch übrig ist." De Man widersprach dem Duce nicht.

Marcel Déat (1894–1955), französischer Politiker. Sozialistischer Abgeordneter der SFIO, dann Gründer des Parti Socialiste de France und schließlich des kollaborationistischen Rassemblement National Populaire (RNP) unter der deutschen Besatzung.

Am Ende der Kette steht Marcel Déat. Déat war sozialistischer Abgeordneter der SFIO, des französischen Zweigs der Sozialistischen Internationale. Sein Weg führte über den Neo-Sozialismus zum offenen Nationalsozialismus. Auf dem ersten Kongress seines Rassemblement National Populaire erklärte er: „Der Staat, den der Sozialismus erfordert, sollte nicht nur ein nationaler, sondern ein autoritärer Staat sein." Arbeiter, die erkannt hätten, dass ein falscher Internationalismus nur den Interessen des internationalen Kapitalismus diene, würden begreifen, dass ihre Befreiung nur über die Nation führe ⁓ über eine nationale Gemeinschaft, in der jeder die Möglichkeit habe, sein Wesen und seine Persönlichkeit zu entfalten.11

Der Weg von Sorel über De Man zu Déat ist für Sternhell kein Zufall, sondern eine innere Logik: Wer den Materialismus aus dem Marxismus entfernt, den Rationalismus durch Mythos und Intuition ersetzt, den Klassenkampf durch die nationale Gemeinschaft und die ökonomische Analyse durch Psychologie ⁓ der hat am Ende keinen Marxismus mehr, sondern Faschismus. Die Revision des Marxismus war der direkte Weg zum Faschismus.

Eine der wichtigsten Abgrenzungen in Sternhells Werk betrifft das Verhältnis von Faschismus und Nationalsozialismus. Für Sternhell sind es zwei verschiedene Phänomene, die sich auf einem Punkt fundamental unterscheiden:

„Faschismus kann in keiner Weise mit Nazismus gleichgesetzt werden. Zweifellos hatten die beiden Ideologien, die beiden Bewegungen und die beiden Regime gemeinsame Merkmale. Sie liefen oft parallel zueinander oder überschnitten sich, aber sie unterschieden sich in einem fundamentalen Punkt: Das Kriterium des deutschen Nationalsozialismus war der biologische Determinismus."12

Rassismus war in allen Faschismen vorhanden ⁓ mehr oder weniger stark, oft verbunden mit Antisemitismus. Aber nur im deutschen Nationalsozialismus war er das Zentrum der Ideologie. Marxisten konnten zum Nationalsozialismus konvertiert werden, wie es tatsächlich viele taten. Der Nationalsozialismus konnte Verträge mit Kommunisten schließen und mit ihnen koexistieren, wenn auch nur vorübergehend. Für die Juden galt das nicht. „Wo es um sie ging, war die einzig mögliche ‚Regelung’ ihre Vernichtung."

Georges Valois (1878–1945) gründete 1925 den Faisceau, kehrte in den 1930er Jahren zur Linken zurück und versuchte 1935, der SFIO beizutreten. Er starb 1945 im KZ Bergen-Belsen.

Sternhell belegt diese Unterscheidung mit konkreten Beispielen. Georges Valois’ Faisceau, 1925 als erste faschistische Bewegung außerhalb Italiens gegründet, kannte keinen Antisemitismus. In Italien gab es zahllose faschistische Juden ⁓ ihr Anteil an der Bewegung war weit höher als ihr Anteil an der Bevölkerung. Angelo O. Olivetti, einer der führenden Ideologen des italienischen Faschismus, Herausgeber der Pagine libere, Mitglied des Nationalen Korporationsrates, war Jude. Er starb 1931 ⁓ bevor die Rassengesetze kamen, die in Italien erst 1938 erlassen wurden.13

„Rassismus war keine notwendige Voraussetzung für die Existenz des Faschismus", schreibt Sternhell. „Aus diesem Grund wird eine allgemeine Theorie, die versucht, Faschismus und Nazismus zu vereinen, immer an diesem wesentlichen Aspekt des Problems scheitern. Eine solche Theorie ist nicht möglich."

Für Sternhell ist diese Unterscheidung keine akademische Spitzfindigkeit. Sie hat Konsequenzen für das Verständnis dessen, was Faschismus ist. Wer argumentiert, eine Bewegung oder ein Regime könne kein Faschismus sein, weil es nicht rassistisch ist, verwechselt den deutschen Nationalsozialismus mit dem Faschismus als solchem. Die Abwesenheit von Rassismus widerlegt nicht den Faschismus ⁓ sie widerlegt nur den Nationalsozialismus. Wenn biologischer Determinismus nicht konstitutiv für den Faschismus ist, dann ist Faschismus nicht auf den deutschen Sonderfall reduzierbar. Dann ist er ein europäisches Phänomen ⁓ eine politische Möglichkeit, die überall dort entsteht, wo Nationalismus und ein anti-materialistischer Sozialismus sich verbinden. Wie Wölk Sternhells Position zusammenfasst: „Der biologische Determinismus, ohne den es den Nazismus nicht geben kann, ist kein konstitutives Element des Faschismus."14

Aus Sternhells Analyse lässt sich ein klares Raster destillieren: Faschismus definiert sich durch die systematische Ablehnung dessen, was die liberale Demokratie ausmacht. Fünf Gegensatzpaare ziehen sich durch sein gesamtes Werk.

Individuum gegen Nation. Die liberale Demokratie beruht auf dem Individuum als Träger von Rechten. Der Faschismus ersetzt das Individuum durch das Kollektiv ⁓ die organische Nation, das Volk als lebendigen Organismus. Sternhell beschreibt die faschistische politische Kultur als „kommunal und anti-individualistisch" und den Faschismus als „eine revolutionäre Bestrebung, gegründet auf der Ablehnung des Individualismus, ob liberal oder marxistisch." Olivetti brachte es auf eine Formel: „Die Nation steht über den Klassen, und alle Erwägungen der Klasse müssen vor Angelegenheiten nationalen Charakters zurücktreten."15

Materialismus gegen Anti-Materialismus. Die liberale Demokratie und der Marxismus teilen ⁓ bei allen Unterschieden ⁓ eine gemeinsame Grundlage: den Materialismus. Beide verstehen die Gesellschaft als Ort der Durchsetzung materieller Interessen, ob individueller oder kollektiver. Der Faschismus lehnt beide ab. Vom Liberalismus übernahm er den Respekt vor der Marktwirtschaft, vom Marxismus die Überzeugung, dass Gewalt die Triebkraft der Geschichte sei ⁓ „die nach den Gesetzen des Krieges regiert wird." Aber den Materialismus beider verwarf er. An die Stelle von Wohlstand und Interessenausgleich traten Opfer, Heroismus und geistige Erneuerung.16

Rationalismus gegen Anti-Rationalismus. Die Aufklärung, der Rationalismus, der Positivismus, das Erbe Descartes’ und des 18. Jahrhunderts ⁓ das war für den Faschismus der Feind. „Der Faschismus rebellierte gegen die Moderne, insofern die Moderne mit dem Rationalismus, dem Optimismus und dem Humanismus des 18. Jahrhunderts gleichgesetzt wurde." Der Kampf gegen die Intellektuellen und den Rationalismus, aus dem sie ihre Nahrung zogen, galt den Nationalisten als „eine Maßnahme der öffentlichen Sicherheit."17

Demokratie gegen Eliten. Das allgemeine Wahlrecht, die Mehrheitsregel, der Parlamentarismus, die Gewaltenteilung ⁓ all das lehnte der Faschismus als Fiktion ab. Sorel hatte „eine totale Ablehnung des demokratischen Egalitarismus, der Mehrheitsherrschaft, des Humanitarismus und des Pazifismus" gepredigt und den „Anspruch der Eliten, die Herden der Massengesellschaft zu führen" verteidigt. Die neuen Sozialwissenschaften ⁓ Michels, Pareto, Mosca ⁓ lieferten dem Faschismus die Theorie der Elitenherrschaft als wissenschaftliche Grundlage.18

Kompromiss gegen Aktion. Die parlamentarische Demokratie lebt vom Kompromiss: Debatte, Verhandlung, Interessenausgleich, Reformismus. Für den Faschismus war das Schwäche und Dekadenz ⁓ „das müßige Geschwätz des Reformismus", wie Sternhell Sorels Verachtung zusammenfasst. Der Faschismus setzte dagegen den Kult der Tat: Gewalt als schöpferische Kraft, Energie und élan vital als Werte an sich. In Frankreich wie in Italien beruhte die Synthese von Nationalismus und revolutionärem Syndikalismus auf denselben Prinzipien: „einerseits eine Ablehnung der Demokratie, des Marxismus, des Liberalismus, der sogenannten bürgerlichen Werte, des Erbes des 18. Jahrhunderts, des Internationalismus und des Pazifismus; andererseits ein Kult des Heroismus, des Vitalismus und der Gewalt."19

Diese fünf Gegensatzpaare sind nicht von außen an Sternhells Werk herangetragen. Sie sind das Raster, das seine gesamte Analyse durchzieht ⁓ von Barrès und Sorel über den Cercle Proudhon bis zu Mussolini und Vichy. Der Faschismus war für Sternhell kein Chaos und kein Opportunismus, sondern ein kohärentes System mit einer eigenen Philosophie, einer eigenen Moral und einer eigenen Ästhetik. Ein System, das sich in jedem einzelnen Punkt als Gegenentwurf zur liberalen Demokratie definierte.

Ein System, das so präzise beschrieben wurde, hätte die Faschismus-Forschung verändern müssen. In Frankreich, Israel und der angelsächsischen Welt tat es das. In Deutschland nicht.

Da schreibt ein Jude über Faschismus. Ein Kind aus dem Ghetto von Przemyśl, dessen Mutter und Schwester in der Shoah ermordet wurden. Sein Hauptwerk Ni droite, ni gauche wird von Le Monde zu den vierzig Jahrhundertbüchern gezählt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Sternhell-Kontroverse geht in die Geschichte der Geschichtsschreibung ein. Und in Deutschland? Praktisch nichts.

Erst 1999 ⁓ sechzehn Jahre nach Erscheinen von Ni droite, ni gauche ⁓ kam die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke heraus: Die Entstehung der faschistischen Ideologie. 2001 folgte ein schmaler Aufsatz. Das sei „alles", schreibt Wölk. „Der weitaus größere Teil seines Schaffens, das immer wieder um die Geschichte und Ideologie des Faschismus sowie die Angriffe von rechts gegen die Werte der Aufklärung kreiste, blieb hierzulande unübersetzt." Die Sternhell-Kontroverse, die in Frankreich Generationen von Historikern beschäftigt hat, „wurde im deutschen Sprachraum kaum zur Kenntnis genommen."20

Wölk benennt den Grund: Sternhells Ansatz war „ein Fremdkörper im Wissenschaftsdiskurs beider deutscher Staaten." Er passte weder zu den parteimarxistischen Theoremen der DDR noch zu den psychologischen oder strukturorientierten Ansätzen der Bundesrepublik. Im Osten galt die Dimitrov-Formel von 1935: Faschismus als „offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals." Im Westen prägte die Frankfurter Schule das linke Verständnis von Faschismus. Max Horkheimer hatte die Formel gegeben: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen."21 Faschismus als Werkzeug des Kapitals, als Reaktion der Bourgeoisie auf die Krise ⁓ das war der gemeinsame Nenner von Ost und West, von Dimitrov bis Horkheimer. Auf der konservativen Seite stand Ernst Nolte mit seiner These, Faschismus sei eine Antwort auf den Bolschewismus ⁓ was Sternhell als „Banalisierung des Faschismus und Nazismus" verwarf.22

Für Sternhells These war in diesem Diskurs kein Platz. Dass der Faschismus nicht aus dem Kapitalismus hervorging, sondern aus einer Revision des Sozialismus ⁓ das war für die marxistische Tradition undenkbar. Dass er nicht am rechten Rand entstand, sondern aus einer Synthese von rechts und links ⁓ das war für die Konservativen ebenso unbequem. Und dass der Faschismus ein genuines, kohärentes Ideensystem war und kein bloßes Machtinstrument ⁓ das war für alle unbequem. Ausgerechnet Deutschland ⁓ das Land des Nationalsozialismus, das allen Grund gehabt hätte, Sternhells Analyse zur Kenntnis zu nehmen ⁓ hat den Historiker, der den Faschismus am gründlichsten analysiert hat, am wenigsten gelesen.


  1. Volkmar Wölk, Zeev Sternhell (1935–2020) ⁓ ein Nachruf, ZRex ⁓ Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, Jg. 1, Heft 2/2021, S. 344–346. Quelle für alle biographischen Angaben. ↩︎

  2. Zeev Sternhell, Mario Sznajder, Maia Asheri, The Birth of Fascist Ideology: From Cultural Rebellion to Political Revolution, Princeton University Press 1994, Introduction. Original: „a synthesis of organic nationalism and the antimaterialist revision of Marxism" und „there was not a single major idea that had not gradually come to fruition in the quarter of a century preceding August 1914." ↩︎

  3. Sternhell, Birth, Kap. 1. Original: „This formula of Barrès was in fact only the French counterpart of the German formula Blut und Boden." Zum Begriff Nationalsozialismus: Maurice Barrès, „Que faut-il faire?", Le Courrier de l’Est, 12. Mai 1898. ↩︎

  4. Sternhell, Birth, Kap. 2. Original: „a philosophy of action based on intuition, the cult of energy and élan vital." ↩︎

  5. Sternhell, Birth, Kap. 3. Original: „a common platform for nationalists and leftist antidemocrats." ↩︎

  6. Sternhell, Birth, Introduction. Original: „Fascism was antimaterialism in its clearest form." ↩︎

  7. Zeev Sternhell, Neither Right nor Left: Fascist Ideology in France, Princeton University Press 1986, Preface. Alle Renan-Zitate aus diesem Abschnitt. Sternhell: „The rejection of the Enlightenment, of individualism, utilitarianism, and bourgeois values, of democracy and majority rule… was not the outcome of any conjuncture of events, and it existed independently of them." ↩︎

  8. Sternhell, Neither Right nor Left, Preface. Original: „affinities with the ideas professed by other nonconformist groups, including those that were protofascist or already fascist." Zu Uriage: „the realization of the ideas of Esprit and one of the vehicles of the national revolution." ↩︎

  9. Sternhell, Birth, Introduction. Original: „It was a revision of Marxism and not a variety of Marxism or a consequence of Marxism." ↩︎

  10. Sternhell, Birth, Kap. 4. Originalzitate: „In order that there should be no doubt about my apostasy, I will call it: the revision of Marxism", „the liquidation of Marxism" und „The concept of exploitation is ethical and not economic." Zur Bedeutung De Mans: „Among his contemporaries, only Gramsci and Lukács could claim to be his superiors." ↩︎

  11. Sternhell, Neither Right nor Left, Kap. 5. Original: „The state that socialism requires should be not only a national state but an authoritarian state." ↩︎

  12. Sternhell, Birth, Introduction. Originalzitate: „Fascism could not, in any way, be identified with Nazism" und „Where they were concerned, the only possible ‘arrangement’ with them was their destruction" sowie „Racism was thus not a necessary condition for the existence of fascism… a general theory that seeks to combine fascism and Nazism will always come up against this essential aspect of the problem." ↩︎

  13. Sternhell, Birth, Kap. 1 und 5. Zu Valois: „George Valois’s ‘Faisceau’ had none at all." Zu Olivetti: Angelo O. Olivetti (1874–1931), jüdischer Herausgeber der Pagine libere. „He was Jewish. His death in 1931 spared him a knowledge of the racial laws of Fascist Italy." ↩︎

  14. Wölk, Nachruf, S. 346. ↩︎

  15. Sternhell, Birth, Introduction und Kap. 5. Original: „communal, anti-individualistic", „a revolutionary aspiration based on a rejection of individualism, whether liberal or Marxist" und Olivetti: „The nation is above classes." ↩︎

  16. Sternhell, Birth, Introduction. Original: „from Marxism a conviction that violence was the motive force of history, which was governed solely by the laws of war." ↩︎

  17. Sternhell, Birth, Introduction und Kap. 1. Original: „Fascism rebelled against modernity inasmuch as modernity was identified with the rationalism, optimism, and humanism of the eighteenth century" und „the fight against intellectuals… was a measure of public safety." ↩︎

  18. Sternhell, Birth, Kap. 3 und Introduction. Original: „a total rejection of democratic egalitarianism, of majority rule, of humanitarianism and pacifism" und „respect for the right of elites to lead the flocks of the society of the masses." ↩︎

  19. Sternhell, Birth, Introduction und Kap. 2. Original: Sorels „idle prattle of reformism" sowie „on one hand, a rejection of democracy, Marxism, liberalism… on the other hand a cult of heroism, vitalism, and violence." ↩︎

  20. Wölk, Nachruf, S. 344–345. Original: „Der weitaus größere Teil seines Schaffens… blieb hierzulande unübersetzt" und „ein Fremdkörper im Wissenschaftsdiskurs beider deutscher Staaten." ↩︎

  21. Max Horkheimer, Die Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 8, 1939, S. 115. ↩︎

  22. Wölk, Nachruf, S. 345. Sternhell über Nolte: „eine Banalisierung des Faschismus und Nazismus." ↩︎