Im Mai 1945, wenige Tage nach der deutschen Kapitulation, erhob Josef Stalin bei einem Empfang im Kreml das Glas. Doch der Toast, den der Generalsekretär der Kommunistischen Partei ausbrachte, galt nicht der Arbeiterklasse, nicht der internationalen Solidarität des Proletariats und nicht dem Sieg des Marxismus-Leninismus. Er galt dem russischen Volk.1
Das Reiterstandbild Friedrichs II. von Christian Daniel Rauch stand seit 1851 Unter den Linden. 1950 wurde es demontiert und im Park von Sanssouci eingelagert, bis Honecker 1980 die Wiederaufstellung an seinem historischen Ort befahl. Fünfunddreißig Jahre später, im November 1980, rollte ein schwerer Lastwagen durch die Straßen Ost-Berlins. Seine Ladung: ein bronzenes Reiterstandbild, rund 36 Tonnen schwer, das einen Mann in Dreispitz und Uniformrock zeigt. Das Standbild Friedrichs des Großen kehrte zurück auf die Prachtstraße Unter den Linden ⁓ auf Anweisung von Erich Honecker, dem Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.2
In beiden Fällen vollzog sich dieselbe Paradoxie: Sozialistische Führer, deren Legitimität auf dem radikalen Bruch mit der Vergangenheit gründete, griffen nach der Geschichte ihrer Nationen, um ihre eigene Herrschaft zu verankern ⁓ Stalin nach dem russischen Volk und seinen Zaren, Honecker nach Preußen und seinen Königen.
Pokrowski starb 1932. Sein Name wurde kurz darauf zum Synonym für den „vulgären Soziologismus", den Stalin nun bekämpfte. In den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution war die zaristische Geschichte in der Sowjetunion als bloße Chronik der Unterdrückung gebrandmarkt. Unter dem Historiker Michail Pokrowski galt das Dogma, dass nicht Individuen, sondern ökonomische Klassenkräfte die Geschichte bestimmen. Die Zaren waren in diesem Weltbild nichts weiter als Agenten des Feudalismus.3
Doch Mitte der 1930er Jahre änderte Stalin den Kurs. Ein Dekret von 1934 forderte die Rückkehr zum chronologischen Geschichtsunterricht und zur Würdigung „großer Persönlichkeiten".4 Es war der Beginn einer systematischen Verschmelzung von bolschewistischer Herrschaft und russischem Nationalstolz. Iwan der Schreckliche wurde zum weisen, wenn auch harten Einiger des russischen Reiches umgedeutet. Peter der Große, bereits in Alexei Tolstois Roman als rücksichtsloser Modernisierer verherrlicht, wurde zum Prototyp des Herrschers, der ein rückständiges Land mit Gewalt in die Zukunft zwingt ⁓ ein kaum verhülltes Porträt Stalins selbst.5
Der Zweite Weltkrieg beschleunigte diese Wende. Am 7. November 1941, während die Wehrmacht vor den Toren Moskaus stand, rief Stalin auf dem Roten Platz die Geister der russischen Militärgeschichte an: Alexander Newski, Dmitri Donskoi, Kusma Minin, Dmitri Posharski, Alexander Suworow und Michail Kutusow.6 Feldherren des Zarenreichs, nicht Revolutionäre, sollten die Sowjetsoldaten in die Schlacht führen. In den folgenden Jahren stiftete Stalin Militärorden nach zaristischen Helden und rehabilitierte die nationale Geschichte als identitätsstiftendes Fundament des Krieges.
Eisensteins zweiter Teil von „Iwan der Schreckliche“ wurde 1946 verboten, weil er den Zaren als zweifelnden, von Gewissensbissen geplagten Menschen zeigte. Stalin forderte eine Darstellung als entschlossenen, gnadenlosen Autokraten. Der Toast von 1945 auf das russische Volk als „leitende Kraft" besiegelte diesen Wandel. Wie tief Stalins Identifikation mit den Zaren reichte, zeigte sich 1947: Bei einem Treffen mit dem Regisseur Sergej Eisenstein erklärte er, einer von Iwans Fehlern sei gewesen, dass er die fünf großen Feudalfamilien nicht vollständig vernichtet habe ⁓ hätte er das getan, wäre die Zeit der Wirren ausgeblieben.7
In der DDR wiederholte sich dasselbe Muster ⁓ mit drei Jahrzehnten Verzögerung und anderen Monarchen. In den Gründungsjahren war Preußen das ideologische Feindbild. Die offizielle Geschichtsschreibung lehrte eine direkte Linie von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler. 1950 ließ Walter Ulbricht das Berliner Stadtschloss als Symbol des „preußisch-deutschen Militarismus" sprengen.8
Doch Honecker stand vor dem Problem, dass die „sozialistische Nation" der DDR keine emotionale Bindung erzeugte. Um die DDR als eigenständigen Staat gegenüber der Bundesrepublik zu legitimieren, suchte er nach einer historischen Tiefe, die über den Marxismus hinausging. Alfred Kosing lieferte den theoretischen Unterbau, indem er zwischen der „sozialistischen Nation" und der „deutschen Nationalität" unterschied ⁓ ein Versuch, das Deutsche für die DDR zu reklamieren, ohne die ideologische Abgrenzung aufzugeben.9
Der sichtbarste Ausdruck dieser Wende war die Rückkehr Friedrichs des Großen. 1980 wurde das Reiterstandbild des Preußenkönigs unter großem Aufwand wieder auf der Prachtstraße Unter den Linden aufgestellt.2 In der DDR-Geschichtswissenschaft wurde Friedrich nun zum „progressiven" Modernisierer umgedeutet, der Preußen effizient und rational organisiert hatte.10 Es folgte schließlich sogar eine vorsichtige Würdigung Bismarcks. Unter der Formel von „Erbe und Tradition" vereinnahmte die SED die preußische Geschichte als nationales Fundament des eigenen Staates.
Wie Stalin, der zaristischen Feldherren zu Ehren Militärorden gestiftet hatte, griff auch Honecker nach der militärischen Tradition. Die NVA trug bewusst Uniformen, die an die Wehrmacht und die preußische Armee anknüpften ⁓ man wollte „deutsch" aussehen. Die preußischen Militärreformer Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz wurden zu „progressiven" Ahnen des Sozialismus erklärt; der Scharnhorst-Orden wurde zur höchsten militärischen Auszeichnung der DDR. Selbst der Große Zapfenstreich, der Yorcksche Marsch und der Stechschritt blieben fester Bestandteil der Repräsentation ⁓ preußischer Drill im Dienste des sozialistischen Staates.
Beide Regime stießen an den Punkt, eine Krise und der Schlußpunkt einer Entwicklung, an dem der abstrakte Internationalismus nicht funktionierte, um die Bevölkerung zu binden. Beide reagierten mit demselben Griff: der Rehabilitation der nationalen Vergangenheit ⁓ ihrer Monarchen, ihrer Feldherren, ihrer Mythen ⁓ um die „sozialistische Identität" mit einer historischen Legitimität aufzuladen, die der Marxismus nicht liefern konnte. Die Paralellen sind verblüffend. Aus dem Kampf gegen die Geschichte wurde eine Aneignung der Geschichte.
Wenn der Sozialismus nach der Nation greift, endet er fast zwangssläufig bei den Symbolen der alten Macht. Die Parallele zwischen Stalins Toast auf das russische Volk und Honeckers preußischem Reiter markiert den Moment, in dem die Ideologie vor der Geschichte kapitulierte. Der Griff nach der Nation war kein Zufall, sondern der Glaube, dass sich ein Staat dauerhaft nicht nur auf ökonomische Theorien gründen lässt.
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Stalins Toast auf das russische Volk, 24. Mai 1945. Im Original: “Ich trinke vor allem auf die Gesundheit des russischen Volkes, weil es die hervorragendste Nation unter allen Nationen der Sowjetunion ist.” ↩︎
Die Rückkehr des Reiterstandbilds Friedrichs des Großen auf die Straße Unter den Linden am 30. November 1980. ↩︎ ↩︎
Michail Pokrowski (1868–1932) war der einflussreichste sowjetische Histosriker der 1920er Jahre. Vgl. Brandenberger, David: National Bolshevism, Harvard University Press, 2002. ↩︎
Gemeinsamer Beschluss des ZK der WKP(b) und des Rates der Volkskommissare vom 16. Mai 1934 über den Geschichtsunterricht. ↩︎
Alexei Tolstoi: Peter der Erste (1929–1945). ↩︎
Stalins Rede auf dem Roten Platz, 7. November 1941. ↩︎
Protokoll des Treffens zwischen Stalin und Eisenstein vom 25. Februar 1947. Vgl. Neuberger, Joan: This Thing of Darkness, Cornell University Press, 2019. ↩︎
Das Berliner Stadtschloss wurde 1950 auf Beschluss des DDR-Ministerrats gesprengt. ↩︎
Alfred Kosing: Nation in Geschichte und Gegenwart, Dietz Verlag, Berlin (Ost), 1976. ↩︎
Ingrid Mittenzwei: Friedrich II. von Preußen. Eine Biographie, Berlin (Ost), 1979. ↩︎