Stephan Schmidt ⸺ 12. February 2026

War Hitler ein Faschist?


TL;DR: Hitler erfüllt Sternhells Faschismus-Kriterien: Nationalismus plus anti-materialistischer Sozialismus, anti-liberal, anti-demokratisch, Führerprinzip. Aber er leitete alles aus der Rasse ab, nicht aus einer faschistischen Synthese. Mussolinis Staat war Zweck, Hitlers Staat war Mittel ⁓ der Zweck war die Rasse. Auch nach der Ermordung des linken Flügels 1934 verschwand der Sozialismus nicht ⁓ er wurde paternalistisch und im Krieg durch imperiale Plünderung finanziert. N und S wurden untrennbar. Sternhell selbst klammerte den NS aus seiner Analyse aus, weil Hitler nicht über die Ideengeschichte zum Faschismus kam ⁓ was die These dieses Essays bestätigt: gleiche Struktur, andere Quelle.

Die Frage klingt absurd. Natürlich war Hitler ein Faschist ⁓ wer würde das bestreiten? Er wird als schlimmster Diktator des 20. Jahrhunderts gesehen, und Faschismus ist das Schlimmste, was die politische Moderne hervorgebracht hat. Also war der schlimmste Diktator natürlich der größte Faschist. So funktioniert das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch: Faschismus als Synonym für politisches Böses, als Schimpfwort, als moralisches Urteil.

Aber was, wenn das Wort eine Bedeutung hat? Was, wenn Faschismus nicht einfach das Schlimmste meint, sondern eine bestimmte Ideologie mit einer bestimmten Struktur? Dann hängt die Antwort davon ab, was man unter Faschismus versteht. Und dann wird die Frage plötzlich interessant.

Zeev Sternhell (1935⁓2020), israelischer Politikwissenschaftler und Historiker. Holocaust-Überlebender, dessen Mutter und Schwester in der Shoah ermordet wurden. Sein Lebenswerk kreist um die Frage: Woher kommt der Faschismus?

Der Faschismusforscher Zeev Sternhell zwingt zur Präzision. Faschismus ist bei Sternhell kein Schimpfwort, sondern eine Ideologie mit klaren Merkmalen: eine Synthese von organischem Nationalismus und anti-materialistischer Revision des Marxismus.1 Anti-demokratisch, anti-liberal, revolutionär, auf Aktion ausgerichtet, mit einem Führerprinzip an der Spitze. Das ist die Formel: Nationalismus plus eine bestimmte Form des Sozialismus ⁓ anti-materialistisch und anti-marxistisch.

Was meint anti-materialistisch? Sternhell beschreibt damit einen Sozialismus, der die materialistische Grundannahme des Marxismus ablehnt ⁓ dass die ökonomischen Verhältnisse das Bewusstsein bestimmen. Stattdessen: Wille, Mythos, Gemeinschaft, Tat. Nicht die Produktionsverhältnisse treiben die Geschichte, sondern der Geist, die Nation, die Entschlossenheit. Es ist ein Sozialismus, der die soziale Frage ernst nimmt, aber die marxistische Antwort verwirft ⁓ und an ihre Stelle die nationale Gemeinschaft setzt.

Der Prüfstein lautet: Erfüllt der Nationalsozialismus diese Kriterien? Mein Kampf gibt die Antwort ⁓ nicht weil Hitler zu glauben wäre, sondern weil das Buch zeigt, wie er selbst seine Ideologie herleitete.

Hitler lebte von 1908 bis 1913 in Wien, zeitweise im Männerheim in der Meldemannstraße. Die Wiener Jahre waren die prägendste Phase seiner politischen Sozialisation. Hitlers politische Erweckung beginnt in Wien, und sie beginnt mit der sozialen Frage. Nicht aus Büchern, sondern aus eigener Erfahrung. Der junge Hitler, gescheiterter Kunstakademie-Bewerber, lebt in Armut. Er sieht das Elend der Arbeiter, die Wohnungsnot, den sozialen Abstieg ⁓ und er versteht, dass die soziale Frage real ist.2

Sein erstes Zusammentreffen mit organisierten Sozialdemokraten am Bau endet bezeichnend: Er wird vom Gerüst gejagt, weil er nicht in die Gewerkschaft eintreten will.3 Die Erfahrung ist traumatisch ⁓ und lehrreich. Hitler begreift, dass die Sozialdemokratie eine Macht ist, die man nicht ignorieren kann. Aber er begreift auch etwas anderes, das für seine gesamte politische Entwicklung entscheidend wird: Sozialdemokratie und Sozialismus sind nicht dasselbe. Der Marxismus, schreibt Hitler, ist „Völkerbetrug" ⁓ er missbraucht die berechtigte soziale Empörung der Arbeiter für eine internationalistische Ideologie, die dem deutschen Volk schadet.4

Das ist der Schlüsselmoment. Hitler lehnt den Marxismus ab, aber er lehnt die soziale Frage nicht ab. Im Gegenteil ⁓ er will sie lösen. Nur nicht durch Klassenkampf, sondern durch nationale Gemeinschaft.

Gottfried Feder (1883⁓1941), Ingenieur und Wirtschaftstheoretiker. Gründungsmitglied der DAP und Mitverfasser des 25-Punkte-Programms. Seine Schrift Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft (1919) beeindruckte Hitler zutiefst.

In München stößt Hitler auf Gottfried Feder und dessen Unterscheidung zwischen „schaffendem" und „raffendem" Kapital ⁓ zwischen dem produktiven nationalen Kapital des Unternehmers und dem parasitären internationalen Kapital der Börse.5 Es ist kein Angriff auf den Kapitalismus an sich. Es ist ein Angriff auf das internationale Börsenkapital, das Hitler mit dem Judentum identifiziert. Die Brechung der Zinsknechtschaft ist kein sozialistisches Programm im marxistischen Sinne ⁓ es ist ein nationaler Sozialismus, der den Kapitalismus nicht abschafft, sondern arisiert.

Die Logik wird in Mein Kampf explizit: „Die nationale Erziehung der breiten Masse kann nur über den Umweg einer sozialen Hebung stattfinden."6 Der Sozialismus ist nicht Selbstzweck. Er ist Instrument. Das Ziel ist die Nationalisierung der Massen ⁓ die Arbeiter sollen nicht befreit, sondern eingemeindet werden. Nicht in eine Klasse, sondern in ein Volk.

Was an die Stelle des Klassenkampfes tritt, ist die Volksgemeinschaft ⁓ rassische Solidarität statt Klassensolidarität. Hitler schreibt: „Die völkische Weltanschauung erkennt die Bedeutung der Menschheit in ihren rassischen Urelementen. Sie sieht im Staat prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und wertet den Bestand eines Volkes höher als das Wohl des Einzelnen."7 „Volk und Vaterland" ⁓ das ist die einzige Doktrin. Alles andere ist dem völkischen Zweck untergeordnet.8

Ein Monolog aus dem Führerhauptquartier zeigt, wie ernst es gemeint war. Am 11. Juli 1941, neunzehn Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion, spricht Hitler über die Kampfkraft der bolschewistischen Soldaten: „Sie kennen keinen Gott und doch verstehen sie, zu sterben. Wenn der Nationalsozialismus längere Zeit geherrscht hat, wird man sich etwas anderes gar nicht mehr denken können."9

Der Satz ist bemerkenswert. Hitler stellt den Nationalsozialismus und den Bolschewismus als funktionale Äquivalente dar ⁓ beide erzeugen dieselbe Opferbereitschaft ohne Religion. Der NS soll dasselbe leisten wie der Bolschewismus: eine totale Hingabe an die Gemeinschaft, die den Einzelnen zum Opfer befähigt. Der Unterschied liegt nicht in der Funktion, sondern in der Begründung ⁓ hier Rasse, dort Klasse.

Das es sich nicht nur um Hitlers Selbsteinschätzung handelt, zeigen die Reaktionen der Zeitgenossen. Die deutschen Industriellen hielten Hitler für einen „verkappten Bolschewisten".10 Sie erkannten im NS genau das, was Hitler selbst formulierte: einen Sozialismus ⁓ nur eben keinen marxistischen.

Und genau das ist die Pointe: Was Hitler hier beschreibt, ist exakt das, was Sternhell die „anti-materialistische Revision des Marxismus" nennt ⁓ formuliert von Hitler selbst, ohne Sternhell je gelesen zu haben. Ein Sozialismus ohne Materialismus, ohne Klassenkampf, ohne Internationalismus ⁓ aber mit derselben Mobilisierungskraft.

Hitlers Worte stehen nicht allein. Sie finden ihre Entsprechung im Programm, im Personal und in der Praxis der NSDAP.

Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 ist ein Dokument, das die konventionellen Zuordnungen von links und rechts sprengt. Auf der linken Seite stehen: Verstaatlichung der Trusts, Gewinnbeteiligung an Großbetrieben, Bodenreform, Brechung der Zinsknechtschaft, Ausbau der Altersversorgung. Auf der rechten Seite: Staatsbürgerschaft nach Blut, Einwanderungsstopp für Nicht-Deutsche, ein starker Zentralstaat.11 Man kann das als Widerspruch lesen. Oder als genau die Synthese, die Sternhell beschreibt.

Gregor Strasser (1892⁓1934), Reichsorganisationsleiter der NSDAP, ermordet in der Nacht der langen Messer. Joseph Goebbels (1897⁓1945) stand bis 1926 auf der Seite Strassers und schwankte zwischen Sozialismus und Nationalismus. Ernst Röhm (1887⁓1934), Stabschef der SA, ermordet am 1. Juli 1934.

Und es gab Personal, das den Sozialismus im Parteinamen verkörperte. Der linke Flügel der NSDAP ⁓ Gregor Strasser, der junge Goebbels, Ernst Röhm ⁓ vertrat einen radikalen Sozialismus, der weit über Propaganda hinausging. Strasser wollte Verstaatlichung, Goebbels notierte im Sommer 1923 in seinem Tagebuch: „Ich bin deutscher Kommunist"12 ⁓ und meinte das ernst. Röhm forderte nach der Machtergreifung eine „zweite Revolution" ⁓ die soziale Revolution nach der politischen.13

Dass Hitler die Reste des linken Flügel 1934 in der Nacht der langen Messer ermorden ließ, widerlegt den Sozialismus der NSDAP nicht ⁓ es verändert seine Form. Was beseitigt wurde, war nicht die soziale Agenda, sondern die Konkurrenz um die Macht und die Forderung nach einer „zweiten Revolution". Der Sozialismus der NSDAP wechselte von revolutionär zu paternalistisch. Er wurde nicht aufgegeben, sondern von oben verordnet.

In der Praxis des Dritten Reiches wurde der Sozialismus nicht abgeschafft, sondern nationalisiert. Kraft durch Freude (KdF), die Deutsche Arbeitsfront (DAF), das Winterhilfswerk ⁓ das waren keine Almosen. Es war sozialer Aufstieg als nationale Integration. Der Arbeiter sollte sich nicht als Proletarier fühlen, sondern als Volksgenosse. Urlaub, den er sich vorher nicht leisten konnte, ein Auto, das nach ihm benannt wurde ⁓ der Volkswagen ⁓, Gemeinschaftsempfänger für den Rundfunk. Die soziale Hebung war real, auch wenn sie auf Kredit und Raubwirtschaft gebaut war.

Die eindrücklichste Bestätigung für den sozialen Charakter des Nationalsozialismus liefert Hitler selbst ⁓ in einem langen Monolog vom 2. August 1941 über Sachsen. Es lohnt sich, den Wortlaut vollständig zu lesen:

„Es ist kein Wunder, daß der Kommunismus in Sachsen sein stärkstes Bollwerk hatte und daß wir die sächsischen Arbeiter nur ganz allmählich gewonnen haben, wie auch, daß sie jetzt zu den Treuesten gehören: Das dortige Bürgertum war von einer geradezu blödsinnigen Borniertheit. In den Augen der sächsischen Wirtschaft waren auch wir Kommunisten; wer eintritt für eine soziale Gleichstellung der Masse ist bolschewistisch!"14

Hitler beschreibt hier, wie die Industrie in Sachsen jeden, der soziale Gleichstellung forderte, zum Bolschewisten erklärte ⁓ einschließlich der Nationalsozialisten. Die NSDAP und die KPD konkurrierten um dieselben Arbeiter, weil sie denselben Missstand ansprachen: die soziale Ungerechtigkeit, die Arroganz des Bürgertums, die Ausgrenzung der Arbeiter vom nationalen Leben.

Prüft man den Nationalsozialismus an Sternhells Kriterien, ist das Ergebnis eindeutig. Der Nationalismus war radikal, rassisch begründet und aggressiv expansionistisch. Der Sozialismus war anti-materialistisch und anti-marxistisch ⁓ kein Sozialismus der Umverteilung, sondern einer der Zugehörigkeit, der Würde, der Volksgemeinschaft, belegt durch Mein Kampf, durch das 25-Punkte-Programm, durch die Praxis von KdF bis DAF und durch Hitlers eigene Monologe. Anti-liberal, anti-demokratisch, auf Aktion und Revolution ausgerichtet, mit einem Führerprinzip, das keine Diskussion duldete ⁓ der Nationalsozialismus erfüllt jedes einzelne Kriterium. Er ist, nach Sternhells Definition, Faschismus.

Aber gilt das auch noch nach 1934? Nachdem Hitler den linken Flügel ermorden ließ, nachdem er den Krieg begann ⁓ hat er sich vom Faschismus im Sternhellschen Sinne wegbewegt? Hat bei ihm der Nationalismus den Sozialismus verdrängt?

Das Gegenteil ist der Fall. In Hitlers Krieg verschmolzen Nationalismus und Sozialismus so vollständig, dass sie nicht mehr zu trennen waren. Hitlers Imperialismus finanzierte seinen Sozialismus. Götz Aly hat in Hitlers Volksstaat gezeigt, dass die systematische Ausplünderung der besetzten Länder und des jüdischen Eigentums direkt in die Sozialpolitik des Reiches floss ⁓ in Soldatensold, Lebensmittelversorgung, Steuererleichterungen für die breite Masse.15 Die Lebensmittelrationierung blieb besser als im Ersten Weltkrieg, weil die besetzten Völker hungerten. KdF, DAF und Winterhilfswerk liefen weiter. Der Volkswagen wurde zum Kübelwagen ⁓ aber das Versprechen blieb. Goebbels’ Sportpalast-Rede vom 18. Februar 1943 war die vielleicht sozialistischste Rede des gesamten Regimes. Er forderte die Schließung von Bars, Nachtlokalen und Luxusrestaurants, griff die Privilegierten an, die morgens durch den Tiergarten ritten, und formulierte den Kernsatz: „Arm und reich und hoch und niedrig müssen in gleicher Weise beansprucht werden" ⁓ im Krieg müssten „gleiche Rechte und gleiche Pflichten" vorherrschen.16 Hitlers Krieg war gleichzeitig nationalistischer Eroberungskrieg und soziales Umverteilungsprojekt ⁓ das eine ermöglichte das andere. Bei Hitler traten N und S nicht auseinander. Sie wurden ununterscheidbar. Faschismus.

Und hier wird es interessant. Denn Hitler selbst sah das anders.

Er bewunderte zwar Mussolini. Im Braunen Haus in München stand eine Büste des Duce. In Mein Kampf schreibt Hitler von seiner „tiefsten Bewunderung für den großen Mann südlich der Alpen."17 Aber Bewunderung ist nicht Identifikation.

Am 3. Januar 1942, im Führerhauptquartier, formuliert Hitler den Unterschied:

Das Braunhemd der SA war eine praktische Entscheidung ⁓ die Partei kaufte günstig Restbestände tropischer Militärhemden auf. Aber die Uniformierung selbst war von Mussolinis Schwarzhemden inspiriert. *„In den geistigen Fundamenten ruht unsere Lehre in sich, aber jeder Mensch ist das Produkt von eigenen und fremden Gedanken und man sage nicht, daß die Vorgänge in Italien ohne Einfluß auf uns waren. Das Braunhemd wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd."*18

Die Schlüsselformulierung ist „ruht in sich". Die Lehre hat eigene Fundamente. Der italienische Einfluss war praktisch ⁓ Ästhetik, Uniformierung, der Marsch auf Rom als Vorbild ⁓ aber nicht ideologisch. Hitler übernahm das Braunhemd, nicht die Philosophie.

Worin liegt der Unterschied? In der Frage, was der Staat ist.

Mussolinis Formel lautete: „Alles im Staate, nichts gegen den Staat, nichts außerhalb des Staates." Der Staat war bei Mussolini der Zweck. Der Staat formt die Nation. Der Faschismus ist die Vergöttlichung des Staates.

Hitlers Position war das genaue Gegenteil: „Der Staat ist ein Mittel zum Zweck. Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen."19 Und an anderer Stelle: „Sie sieht im Staat prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und faßt als seinen Zweck die Erhaltung des rassischen Daseins der Menschen auf."20

Bei Mussolini steht der Staat am Anfang. Der Staat formt die Nation, der Faschismus ist die Vergöttlichung des Staates ⁓ er ist Zweck, nicht Mittel.

Bei Hitler steht die Rasse am Anfang. Aus ihr leitet sich alles ab: der Staat ist nur Werkzeug, der Nationalismus folgt aus der Rasse, der Sozialismus dient der Rasse. Was dabei herauskommt, sieht aus wie Faschismus ⁓ ist aber, in Hitlers Selbstverständnis, etwas anderes.

Goebbels, der Propagandaminister, machte die Abgrenzung noch expliziter. Im Dezember 1942, als Italiens militärische Schwächen immer deutlicher wurden, notierte er in seinem Tagebuch:

„Der Faschismus doch nicht so recht in die Tiefe zu gehen wagt, sondern in wichtigsten Problemen an der Oberfläche haften bleibt."21

Und an anderer Stelle: „Der Faschismus ist nicht in die Tiefe gegangen, sondern vielfach nur an der Oberfläche kleben geblieben."22

Am 13. Dezember 1942 notierte Goebbels den ersten Eintrag im Kontext der italienischen Weigerung, Juden in Tunis und im besetzten Frankreich auszuliefern. Am 24. Dezember den zweiten im Kontext der Hafen- und Nachschubprobleme Italiens.

Was Goebbels mit „Tiefe" meinte, war die Rassenfrage. Italien hatte zwar 1938 eigene Rassengesetze erlassen, aber es lieferte seine Juden nicht aus ⁓ weder in Italien selbst noch in den von Italien besetzten Gebieten in Frankreich, Griechenland und Kroatien. Italienische Militärbehörden verweigerten die deutschen Deportationsforderungen. Italien hatte keine Rassenbiologie zum Zentrum seiner Ideologie gemacht. Der Faschismus war, in den Augen der NS-Führung, eine oberflächliche Variante dessen, was der Nationalsozialismus konsequent zu Ende dachte.

Hier liegt der entscheidende Punkt. Hitlers Formulierung „physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen" aus Mein Kampf enthält den Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus ⁓ und zu seiner Abgrenzung vom Faschismus.

„Physisch gleichartig" ⁓ das meint rassisch, nordisch-arisch, biologisch bestimmt. „Seelisch gleichartig" ⁓ das meint weltanschaulich, die arische Seele, eine geistige Haltung, die aus der Rasse fließt.

Damit fällt die nationale Grenze weg. Wenn nicht die Nation, sondern die Rasse das Kriterium ist, dann können auch Nicht-Deutsche zur Gemeinschaft gehören ⁓ sofern sie rassisch und weltanschaulich „gleichartig" sind. Die Waffen-SS zog die Konsequenz: Division Wiking (Skandinavier), Nordland (Dänen und Norweger), Langemarck (Flamen), Charlemagne (Franzosen), Nederland. Himmlers Vision war nicht ein großdeutsches Reich, sondern eine pan-europäische arische Ordnung ⁓ nicht deutsch, sondern rassisch.23

Hitlers Nationalismus ist kein Nationalismus im klassischen Sinne. Er ist ein Rasse-Nationalismus, der nationale Grenzen transzendiert. Die Rasse leitet beides ab: den Nationalismus ⁓ kein Bürgerbegriff der Nation, sondern ein Rassebegriff ⁓ und den Sozialismus ⁓ nicht das Beste für die Arbeiter, sondern das Beste für die Rasse.

Hitler erfüllt Sternhells Kriterien. Aber nicht, weil er eine faschistische Synthese von Nationalismus und Sozialismus anstrebte. Sondern weil die Rassentheorie Nationalismus und Sozialismus als Nebenprodukte erzeugt. Der Faschismus ist das Ergebnis ⁓ aber nicht die Absicht.

Sternhell konzentriert sich in The Birth of Fascist Ideology auf Frankreich und Italien. Den NS behandelt er als Sonderfall, nicht als Prototyp.

Hier trifft sich dieser Befund mit einer bemerkenswerten Entscheidung Sternhells selbst: Er hat den Nationalsozialismus teilweise aus seiner Faschismus-Analyse ausgeklammert. Sternhell verfolgt den Faschismus als Ideengeschichte ⁓ von Sorel über Barrès zu Mussolini, eine intellektuelle Genealogie, die in Frankreich beginnt und in Italien ihren politischen Ausdruck findet. Der NS passt nicht in diese Genealogie, weil Hitler nicht über die Ideengeschichte zum Faschismus kam. Er kam über die Rassentheorie. Sternhells Ausschluss des NS erklärt und bestätigt zugleich die These dieses Essays: Hitler produzierte Faschismus ⁓ aber auf einem anderen Weg. Sternhell, der den ideengeschichtlichen Weg verfolgt, findet Hitler dort nicht. Nicht weil Hitler kein Faschist war, sondern weil er einer aus einer anderen Quelle war.

War Hitler ein Faschist? Ja. Er erfüllte alle Kriterien der faschistischen Ideologie nach Sternhell: Nationalismus plus anti-materialistischer Sozialismus, anti-liberal, anti-demokratisch, revolutionär, Führerprinzip.

Sah er sich als Faschist? Nein. Er leitete alles aus der Rasse ab, nicht aus der faschistischen Synthese. Das Braunhemd kam vom Schwarzhemd, aber die Lehre „ruhte in sich". Gleiche Struktur, andere Quelle.


  1. Zeev Sternhell, Mario Sznajder, Maia Asheri, The Birth of Fascist Ideology: From Cultural Rebellion to Political Revolution, Princeton University Press 1994, Introduction. Original: „a synthesis of organic nationalism and the antimaterialist revision of Marxism." ↩︎

  2. Adolf Hitler, Mein Kampf, Zentralverlag der NSDAP, München 1943, Z. 2781ff. ↩︎

  3. Hitler, Mein Kampf, Z. 3573ff. Hitler beschreibt die Begegnung mit Sozialdemokraten auf einer Baustelle in Wien. ↩︎

  4. Hitler, Mein Kampf, Z. 3553⁓3558. ↩︎

  5. Hitler, Mein Kampf, Z. 12611⁓12631. Zur Unterscheidung von schaffendem und raffendem Kapital vgl. Gottfried Feder, Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes, Diessen 1919. ↩︎

  6. Hitler, Mein Kampf, Z. 18892⁓18893. ↩︎

  7. Hitler, Mein Kampf, Z. 21148⁓21156. ↩︎

  8. Hitler, Mein Kampf, Z. 12674⁓12676. ↩︎

  9. Werner Jochmann (Hrsg.), Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941⁓1944, Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1980, 11./12.7.1941, Z. 1357⁓1362. ↩︎

  10. Werner Jochmann, Einleitung zu Monologe im Führerhauptquartier, Z. 851⁓853. ↩︎

  11. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP wurde am 24. Februar 1920 im Münchner Hofbräuhaus verkündet und 1926 für unabänderlich erklärt. ↩︎

  12. Joseph Goebbels, Tagebücher 1924⁓1945, hrsg. von Ralf Georg Reuth, Bd. 1, Piper, München 1992, Eintrag Sommer 1923. ↩︎

  13. Zum linken Flügel der NSDAP vgl. Peter Longerich, Geschichte der SA, C.H. Beck, 2003, sowie Ian Kershaw, Hitler 1889⁓1936, DVA, 1998, Kap. 8. ↩︎

  14. Jochmann, Monologe, 2.8.1941, Z. 1839⁓1868. ↩︎

  15. Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. Aly zeigt, dass das NS-Regime die deutsche Bevölkerung durch systematische Ausplünderung der besetzten Länder und des jüdischen Eigentums materiell ruhigstellte ⁓ ein Gefälligkeitsstaat auf Kosten anderer. ↩︎

  16. Joseph Goebbels, Rede im Berliner Sportpalast, 18. Februar 1943. Volltext u.a. in: 1000 Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, Bayerische Staatsbibliothek. ↩︎

  17. Hitler, Mein Kampf, Z. 37017. ↩︎

  18. Jochmann, Monologe, 3./4. Jan. 1942, Z. 1468⁓1472. ↩︎

  19. Hitler, Mein Kampf, Z. 21702⁓21705. ↩︎

  20. Hitler, Mein Kampf, Z. 21154⁓21156. ↩︎

  21. Joseph Goebbels, Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hrsg. von Elke Fröhlich, K.G. Saur Verlag, Teil II, Bd. 6, Dezember 1942. ↩︎

  22. Goebbels, Tagebücher, Fröhlich-Edition, Teil II, Bd. 6, Dezember 1942. ↩︎

  23. Zu den nicht-deutschen Waffen-SS-Divisionen vgl. George H. Stein, The Waffen SS: Hitler’s Elite Guard at War 1939⁓1945, Cornell University Press, 1966. ↩︎