Warum heißt der Nationalsozialismus National-Sozialismus?
Ist das nicht sozialistisch? Es ist eine einfache Frage. Eine Frage, die sich aus dem Namen ergibt. Aber niemand redet darüber. Ich wurde als Jugendlicher angefeindet, wenn ich diese Frage gestellt habe.
Bin ich der einzige den das beschäftigt, fragte ich mich. Dann stieß ich auf Zeev Sternhell. Zeev Sternhell (1935–2020), israelischer Politikwissenschaftler polnisch-jüdischer Herkunft, überlebte als Kind den Holocaust. Er lehrte Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem und wurde für seine Faschismus-Forschung von Linken wie Rechten gleichermaßen angefeindet. Sternhell war Politikwissenschaftler an der Hebräischen Universität Jerusalem, Holocaustüberlebender, und er hatte sein Lebenswerk einer einzigen Frage gewidmet: Woher kommt der Faschismus? Seine Antwort war eine Formel, so klar wie eine mathematische Gleichung:
Faschismus = organischer Nationalismus + anti-materialistischer Sozialismus1
Eben das findest sich im Namen. National-Sozialismus. Das war mein Aha-Moment. Es gibt keinen Widerspruch im Namen der NSDAP.
Nicht jeder Nationalismus ist Faschismus. Nicht jeder Sozialismus ist Faschismus. Aber ihre Synthese ⁓ die Verschmelzung eines Nationalismus, der das Volk als organische Einheit begreift, mit einem Sozialismus, der nicht die Klasse, sondern die nationale Gemeinschaft erlösen will ⁓ zusammen in einem totalitären Regime, das ist Faschismus.
Um zu verstehen, warum die Frage so provoziert, muss man das Modell verstehen, das sie in Frage stellt: das lineare politische Spektrum.
Links und rechts ⁓ das geht zurück auf die Französische Nationalversammlung von 1789. Anhänger des Königs saßen rechts, Anhänger der Revolution links.2 Die Sitzordnung wurde zur Metapher, die Metapher dann zum Modell. 1848 saßen die Abgeordneten der Frankfurter Paulskirche bereits nach demselben Schema.3 Bis heute sitzt der Deutsche Bundestag so ⁓ grob von links nach rechts: Die Linke, SPD, Grüne, FDP, CDU/CSU, AfD.
Das Modell ist einfach. Deshalb ist es so hartnäckig. Es reduziert die Komplexität politischer Positionen auf eine einzige Dimension ⁓ und jeder versteht es sofort. Aber seine eigentliche Attraktivität liegt woanders: Politiker lieben dieses Modell, weil es den politischen Gegner maximal weit entfernt platziert. An den Extremen, wo die Politik in Wirklichkeit so nahe beieinander liegt, suggeriert die Linie die größte Distanz.
Aber das stimmt nicht. Für einen Demokraten macht das Modell keinen Sinn.
Tausende KPD-Mitglieder traten nach der Machtergreifung 1933 in die SA ein ⁓ so massenhaft, dass sich für sie ein eigener Name etablierte: Beefsteak-Nazis, braun außen, rot innen.4 Benito Mussolini war Chefredakteur des sozialistischen Avanti!, bevor er den Faschismus erfand. Horst Mahler war RAF-Gründungsmitglied, bevor er NPD-Mitglied wurde. Nicola Bombacci gründete mit Gramsci die Kommunistische Partei Italiens und wurde neben Mussolini erschossen und kopfüber an einer Tankstelle in Mailand aufgehängt ⁓ als einer seiner engsten Berater. Fast keiner dieser Überläufer beschreibt seinen Weg als Bruch sondern doe meisten sagen: Ich bin nur konsequent. Mussolini sah sich zeitlebens als Revolutionär. Mahler sah sich als konsequenten Kämpfer gegen das System.
Auf einem linearen Spektrum müsste jeder Überläufer die ganze Strecke von einem Ende zum anderen zurücklegen, vorbei an der Mitte, vorbei an der Demokratie. Das wäre ein langer, schwieriger Weg. Die Überläufer beschreiben aber keinen langen Weg. Sie beschreiben einen kurzen Schritt. Das Modell passt nicht zu den Fakten.
Hier kommt das Hufeisen Modell ins Spiel. Das Hufeisen war der erste Versuch, dieses Problem zu lösen. Die Hufeisentheorie wurde populär durch Jean-Pierre Faye in Langages totalitaires (1972). Die Metapher selbst ist vermutlich älter und wird dem Umfeld der Weimarer Republik zugeschrieben, möglicherweise dem Kreis um Otto Strasser, der zuvor den linken, sozialistischen Flügel der NSDAP vertreten hatte und ab 1930 die Schwarze Front führte. Die Idee: Das Spektrum ist keine gerade Linie, sondern ein Hufeisen. Die Enden biegen sich aufeinander zu. Links und rechts bleiben getrennt, aber an den Extremen nähern sie sich an.5
Die Beobachtung ist richtig: Extreme sind sich ähnlicher, als das lineare Modell behauptet. Aber das Hufeisen traut sich nicht, die Konsequenz zu ziehen. Die Enden nähern sich an, aber sie berühren sich nicht. Es bleibt eine Lücke. Und das Hufeisen hat ein zweites Problem: Es beschreibt nur, dass sich die Extreme ähneln. Es erklärt nicht, warum. Es hat keinen Mechanismus.
Sternhell liefert den letzten Schritt ⁓ mit seiner Formel F = N + S. Der Faschismus zieht beide Enden zusammen.
Aber der Konsens über das gesamte politische Spektrum lautet: Faschismus ist rechtsextrem. Das N in der Formel F = N + S stört niemanden. Nationalismus als Bestandteil des Faschismus ⁓ das ist Allgemeingut, das akzeptiert jeder. Der strittige Punkt ist das S ⁓ der Sozialismus. Dass Faschismus auch Sozialismus enthält ⁓ das ist die Provokation.
Von links kommt der Reflex sofort. Sozialismus darf kein faschistisches Potential haben. Die Dimitrov-Formel von 1935 liefert die Abwehr: Faschismus sei die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.6 Georgi Dimitrov (1882–1949), bulgarischer Kommunist, wurde 1933 im Reichstagsbrandprozess freigesprochen und danach Generalsekretär der Kommunistischen Internationale. Seine Faschismus-Definition von 1935 wurde zur offiziellen Linie aller kommunistischen Parteien ⁓ und wirkt bis heute als Schutzschild. In dieser Definition ist Faschismus ein Produkt des Kapitals, und der Sozialismus kann kein Teil des Faschismus sein. Dimitrovs Formel ist kein analytisches Werkzeug ⁓ sie ist ein Abwehrreflex. Sie schützt die eigene Identität.
Von rechts kommt derselbe Reflex in Spiegelung. ‘Sozis’ sind der Feind. Faschismus kann keinen Sozialismus enthalten, weil man sich als Gegenpol definiert wenn man politsche Strömungen als lineares Spektrum begreift.
Beide sehen die jeweils andere Seite als markttechnische Konkurrenz. Ein Ringschluss von links und rechts, und die Ähnlichkeiten sind dann nicht hilfreich.
Beide Seiten verteidigen dieselbe Mauer ⁓ von verschiedenen Seiten. Der Konsens Faschismus ist rein rechtsextrem ist für beide bequem. Er erlaubt der Linken, den eigenen Sozialismus von jedem faschistischen Verdacht freizusprechen. Und er erlaubt der Rechten, den Sozialismus als das ganz Andere zu definieren, das mit der eigenen Tradition nichts zu tun hat. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Jetzt verstand ich, warum niemand die Frage stellen will, warum Sozialismus in Nationalsozialismus vorkommt. Die Frage rührt an die Identität beider Seiten. Sie wird nicht gestellt, weil sie falsch wäre, sondern weil die Antwort unbequem ist.
Den wissenschaftlichen Durchbruch im Denken brachte für mich Götz Aly. Götz Aly (*1947), deutscher Historiker und Journalist. Sein Buch Hitlers Volksstaat (2005) löste heftige Kontroversen aus, weil es die materielle Komplizenschaft der deutschen Bevölkerung am NS-System nachwies. Aly arbeitete zuvor als Journalist bei der taz und der Berliner Zeitung. Sternhell hatte die theoretische Grundlage gelegt. Aly lieferte den empirischen Beweis. In Hitlers Volksstaat analysierte er die Akten des Dritten Reiches und zeigte, wie das NS-Regime Massenloyalität durch Umverteilung kaufte.7 Steuererleichterungen für die breite Masse, Kraft durch Freude als Urlaubsprogramm für Arbeiter, Ehestandsdarlehen, Preiskontrollen auf Grundnahrungsmittel. Linke Politik. Finanziert wurde das Ganze durch die Ausplünderung besetzter Länder und die Enteignung und Ermordung der europäischen Juden.
Und wenn man genau hinschaut, sieht man es überall.
Eichmann selbst brachte es auf den Punkt. Adolf Eichmann (1906–1962), SS-Obersturmbannführer, organisierte als Leiter des „Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt die logistische Durchführung des Holocaust. 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien gefasst, 1962 in Ramla hingerichtet. Seine Aufzeichnungen entstanden im argentinischen Exil vor seiner Festnahme als Teil der Sassen-Interviews. In seinen Aufzeichnungen schrieb er: „Meine gefühlsmäßigen politischen Empfindungen lagen links, das Sozialistische mindestens ebenso betonend wie das Nationalistische."8 Er und seine Mitstreiter sahen Nationalsozialismus und Kommunismus als „eine Art Geschwisterkinder".8
Mit der Hufeisentheorie und Sternhell und der Empirie Aly’s hatte ich alle Bausteine, die ich brauchte. Es war klar wie Kloßbrühe: Die politischen Parteien und Strömungen bilden einen nahtlosen Ring ⁓ mit der Demokratie oben und dem Faschismus unten.
Wenn Faschismus die Synthese von Nationalismus und Sozialismus ist, dann kann man von beiden Seiten dorthin gelangen. Von rechts, indem der Nationalismus den Sozialismus absorbiert. Von links, indem der Sozialismus den Nationalismus absorbiert. Wenn beide Wege am selben Punkt enden ⁓ dann ist das politische Spektrum keine Linie mit zwei Enden. Es ist ein geschlossener Kreis. Ein Ring.
Oben, am Zenit: die liberale Demokratie. Gewaltenteilung, Menschenrechte, Primat des Individuums. Unten, am Nadir: der Faschismus im Sternhellschen Sinne ⁓ anti-demokratisch, anti-liberal, anti-individuell. Die Synthese aus Nationalismus und Sozialismus.
Die Dimension des Rings ist nicht links gegen rechts. Sie ist demokratisch gegen totalitär. Und das Erstaunliche: Die Grundbedürfnisse, die der Faschismus bedient, existieren auch am Zenit ⁓ nationale Zugehörigkeit und soziale Sicherheit. Auch in der Mitte der Demokratie gibt es Patriotismus und den Sozialstaat. Der Faschismus ist das Spiegelbild: dieselben Zutaten, aber totalitär und diktatorisch statt demokratisch und liberal. Man muss nicht die Zutaten wechseln, um abzusteigen ⁓ man muss nur den demokratischen Rahmen aushöhlen. Patriotismus wird zu Chauvinismus, Sozialstaat wird zu Volksgemeinschaft, Mehrheitsentscheidung wird zu Führerprinzip. Auf dem Weg nach unten trennen sich die Zutaten: An den Seiten des Rings ⁓ rechts bei drei Uhr, links bei neun Uhr ⁓ dominiert und überbetont jeweils eine der beiden. Rechts der Nationalismus, links der Sozialismus. Am Nadir kommen sie wieder zusammen ⁓ im Faschismus.
Der rechte Weg nach unten führt vom Konservatismus in den Nationalismus, vom Nationalismus in die autoritäre nationale Diktatur. An irgendeinem Punkt übernimmt der Nationalismus linke Elemente, um die Massen zu binden ⁓ die Volksgemeinschaft, Kraft durch Freude, die Deutsche Arbeitsfront. Der Nationalismus wird zum Faschismus.
Der linke Weg nach unten führt von der Sozialdemokratie in den Kommunismus, vom Kommunismus in die autoritäre sozialistische Diktatur. An irgendeinem Punkt übernimmt der Sozialismus nationale Elemente ⁓ Stalin trinkt auf das russische Volk, Honecker holt Friedrich den Großen zurück, die DDR erfindet die sozialistische Nation und definiert sich dabei national. Der Sozialismus wird zum Faschismus.
Wenn beide Wege am selben Punkt enden, dann ist das kein Band mit zwei Enden. Dann ist es ein Ring. Der Ring ist das Hufeisen, konsequent weitergedacht. Die Extreme berühren sich nicht nur. Sie verschmelzen. Sternhell liefert den Mechanismus, den das Hufeisen nicht hatte.
Ist das Modell auch hilfreich? Was erklärt der Ring, das die Linie nicht erklären kann?
Er erklärt die Überläufer. Am unteren Ende des Rings liegen Links und Rechts nebeneinander. Der Überläufer geht keinen langen Weg quer durchs Spektrum. Er wechselt die Farbe, nicht die Position. Deshalb beschreiben fast alle Überläufer ihren Weg als konsequent ⁓ weil er es ist. Am Nadir des Rings ist der Schritt von links nach rechts ein Schritt zur Seite.
Er erklärt die strukturellen Parallelen. Gestapo und NKWD, HJ und FDJ, Deutsche Arbeitsfront und FDGB ⁓ am Nadir werden die Systeme ununterscheidbar. Das ist kein Zufall. Wenn beide Wege am selben Punkt enden, müssen die Strukturen konvergieren.
Und er erklärt die Querfront. Wenn das Spektrum ein Ring ist, dann ist die Querfront ⁓ die Verbindung von Linken und Rechten gegen die liberale Mitte ⁓ keine Anomalie. Sie ist erwartbar. Am unteren Ende des Rings liegt der gemeinsame Feind oben: die Demokratie.
Alys Schlusssatz: „Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen."7 ist die direkte Umkehrung eines Klassikers der Frankfurter Schule. 1939 schrieb Max Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen."9 Max Horkheimer (1895–1973), Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, emigrierte 1933 zunächst in die Schweiz, 1934 in die USA. Sein Satz von 1939 wurde zum bekanntesten Einzeiler der Kritischen Theorie ⁓ und zum Fundament der linken Faschismusanalyse: Faschismus als Produkt des Kapitalismus. Horkheimer sagte: Faschismus kommt vom Kapitalismus. Aly dreht den Satz um und sagt: Faschismus kommt auch von Links. Die Vorteile für die Millionen ⁓ linke Ideen, das ist die soziale Seite des Nationalsozialismus, das S in Sternhells Formel.
Das politische Spektrum ist kein Band. Es ist ein Ring. Und deshalb heißt der Nationalsozialismus National-Sozialismus.
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Sternhell, Zeev / Sznajder, Mario / Ashéri, Maia: The Birth of Fascist Ideology: From Cultural Rebellion to Political Revolution, Princeton University Press, 1994, S. 4–6. Sternhells zentrale These: „Fascism was a synthesis of organic nationalism and anti-materialist socialism." ↩︎
Zur Sitzordnung der Französischen Nationalversammlung 1789 vgl. Gauchet, Marcel: La droite et la gauche, in: Nora, Pierre (Hrsg.): Les Lieux de Mémoire, Bd. III, Paris: Gallimard, 1992. ↩︎
In der Frankfurter Nationalversammlung 1848 saßen die Konservativen rechts im Café Milani, die Liberalen in der Mitte, die Demokraten links im Donnersberg-Flügel. Die Sitzordnung der Paulskirche übernahm das französische Schema. ↩︎
Vgl. den ausführlichen Essay Von Rechts nach Links und zurück zu den Beefsteak-Nazis, den Massenwechseln und den Einzelüberläufern. ↩︎
Faye, Jean-Pierre: Langages totalitaires, Paris: Hermann, 1972. Faye analysierte die Hufeisenmetapher; die Metapher selbst ist vermutlich älter und wird dem Umfeld der Weimarer Republik zugeschrieben. ↩︎
Dimitrov, Georgi: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale, Bericht auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, Moskau, 2. August 1935. ↩︎
Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005. ↩︎ ↩︎
Eichmann, Adolf: Aufzeichnungen und Sassen-Interviews, Argentinien, vor seiner Festnahme 1960. Zitiert nach Stangneth, Bettina: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Zürich: Arche, 2011. ↩︎ ↩︎
Horkheimer, Max: Die Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 8, 1939, S. 115. ↩︎