Stephan Schmidt ⸺ 12. February 2026

Woher kommt der Name Nationalsozialismus?


TL;DR: Zwischen 1890 und 1920 prägten mehrere Bewegungen den Begriff Nationalsozialismus: Barrès in Frankreich (1898), Naumann in Deutschland (1896), die tschechische ČSNS in Böhmen (1897), die deutsche DAP in Aussig (1903, ab 1918 DNSAP), Biétry in Frankreich (1902). Sie alle reagierten auf dasselbe Problem ⁓ den wachsenden marxistischen Internationalismus ⁓ und boten einen nationalen Sozialismus als Gegenprogramm. Als Hitler 1920 die NSDAP benannte, übernahm er auf Anregung Rudolf Jungs das Namensmodell der böhmischen DNSAP.

Der Name Nationalsozialismus wurde nicht 1920 in München erfunden. Er war zu diesem Zeitpunkt schon ein Vierteljahrhundert alt, geprägt in mehreren Ländern, von Männern, die einander nicht kannten und von denen manche überzeugte Demokraten waren. Die Geschichte des Namens beginnt nicht in München.

Maurice Barrès (1862⁓1923), französischer Schriftsteller und Abgeordneter aus Lothringen. Nationalistischer Theoretiker, Dreyfus-Gegner, Mitbegründer der Ligue de la Patrie Française (Liga des Vaterlandes). In den 1890er Jahren formulierte Maurice Barrès in Frankreich etwas, das er socialisme nationaliste (nationalistischer Sozialismus) nannte.1 Barrès war kein Arbeiterführer, sondern Schriftsteller und Abgeordneter aus Lothringen. Sein Programm verband den Schutz der französischen Arbeiter gegen ausländische Konkurrenz mit einem Angriff auf das kosmopolitische Finanzkapital. Die Klassen sollten zusammenarbeiten, nicht gegeneinander kämpfen ⁓ aber innerhalb der Nation und gegen deren Feinde. 1898 kandidierte Barrès in Nancy als républicain socialiste nationaliste (republikanischer sozialistischer Nationalist).2 Er verlor die Wahl. Die Formel blieb.

Friedrich Naumann (1860⁓1919), evangelischer Theologe, Publizist und Politiker. Gründer des Nationalsozialen Vereins 1896. Später Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei, Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) 1918. Zwei Jahre vorher, 1896, hatte in Deutschland ein evangelischer Pfarrer und Publizist dasselbe versucht. Friedrich Naumann gründete den Nationalsozialen Verein ⁓ eine Partei, die Arbeiter für die Nation gewinnen wollte durch Sozialreform und einen starken Staat. Naumann war ein Liberaler, der davon überzeugt war, dass die Arbeiterschaft verloren gehe, wenn man ihr nur den marxistischen Sozialismus anbiete. Sein Verein blieb demokratisch, sein Programm wurde als Nationalsozialer Katechismus veröffentlicht.3 Bei der Reichstagswahl 1903 scheiterte er.4 Der Verein löste sich auf. Naumann ging zur Fortschrittlichen Volkspartei, der liberalen Mitte. Der Name nationalsozial verschwand aus dem deutschen Liberalismus. Er tauchte anderswo wieder auf.

1897 gründeten tschechische Politiker in Böhmen die Česká strana národně sociální (Tschechische nationalsoziale Partei, ČSNS).5 Ihr Nationalismus richtete sich gegen die Habsburger Monarchie und die deutsche Dominanz in Böhmen. Ihr Sozialismus war Arbeiterschutz, aber nicht marxistisch ⁓ keine Verstaatlichung, kein Klassenkampf, keine Internationale. Edvard Beneš (1884⁓1948), Mitbegründer der Tschechoslowakei, Außenminister, Präsident. 1945 erließ er die Beneš-Dekrete: Enteignung und Aussiedlung von rund drei Millionen Sudetendeutschen, kollektiv nach Volkszugehörigkeit. Die Partei blieb demokratisch. Edvard Beneš, der spätere Präsident der Tschechoslowakei, war ihr bekanntestes Mitglied. Die ČSNS regierte mit, sie stellte Minister, sie war Teil der demokratischen Ordnung bis zur kommunistischen Machtübernahme 1948.

Sechs Jahre später, 1903, gründeten deutsche Arbeiter in Aussig (heute Ústí nad Labem), ebenfalls in Böhmen, eine Partei, die das Spiegelbild der tschechischen ČSNS war: die Deutsche Arbeiterpartei (DAP).6 Deutsche und tschechische Arbeiter konkurrierten um dieselben Arbeitsplätze in den böhmischen Industriestädten. Die DAP vertrat deutsche Arbeiter gegen tschechische Konkurrenz ⁓ Nationalismus als Arbeitsmarktpolitik, Sozialismus als Arbeiterschutz. Dieselbe Formel wie bei den Tschechen, nur für die andere Nation.

Rudolf Jung (1882⁓1945), Ingenieur und Politiker aus Nordböhmen. Schlüsselfigur der österreichischen Nationalsozialisten. Verfasser von Der nationale Sozialismus (1919/1922). Er stellte die Verbindung zwischen der böhmischen DNSAP und Hitlers Münchner DAP her. Am 4. und 5. Mai 1918, auf dem letzten Parteitag in Wien, benannte sich die DAP um in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP).7 Rudolf Jung, ein Ingenieur aus Nordböhmen, wurde zur Schlüsselfigur. Er verfasste 1919 das Buch Der nationale Sozialismus8 und stellte später die Verbindung zwischen der österreichischen Bewegung und dem her, was in München entstand.

Dazwischen liegt noch ein Franzose. Pierre Biétry, ein ausgestoßener roter Gewerkschafter, gründete 1902 in Frankreich die Fédération nationale des Jaunes de France (Nationaler Bund der Gelben Frankreichs) und nannte sich socialiste national ⁓ wörtlich: Nationalsozialist.9 Sein Programm: Nation und Arbeiterinteressen, aber gegen Klassenkampf, gegen Streik als Waffe, für die Zusammenarbeit der Klassen. 1904 verwarf Biétry das Wort Sozialismus selbst ⁓ weil Sozialismus Kollektivierung bedeute, und das wollte er nicht.10 Die NSDAP behielt das Wort sechzehn Jahre später und definierte es um.

Die Thule-Gesellschaft, gegründet 1918 in München von Rudolf von Sebottendorf. Offiziell ein Verein zur Erforschung germanischer Vorzeit, tatsächlich ein völkisch-antisemitischer Geheimbund. Mehrere spätere NSDAP-Mitglieder kamen aus ihrem Umfeld. Am 5. Januar 1919 gründete Anton Drexler in München die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) ⁓ denselben Namen wie die böhmische Partei von 1903, denselben Anspruch: eine Partei für deutsche Arbeiter, national und sozial. Drexler war Schlosser, Mitglied der Vaterländischen Partei, Anhänger eines nationalen Sozialismus. Karl Harrer, ein Journalist mit Verbindungen zur Thule-Gesellschaft, war Mitgründer. Die DAP war winzig ⁓ eine Handvoll Mitglieder in einem Münchner Hinterzimmer.

Anton Drexler (1884⁓1942), Schlosser aus München. Gründer der DAP am 5. Januar 1919. Von Hitler 1921 als Vorsitzender verdrängt, blieb aber Ehrenvorsitzender der NSDAP. Im September 1919 trat Adolf Hitler bei. Seine Mitgliedsnummer war 555 ⁓ tatsächlich die Nummer 55, denn die Partei hatte die Zählung bei 500 begonnen, um größer zu wirken.11 Hitler kam als Redner. Aber er hatte Vorstellungen über den Namen.

Nach eigener Aussage in Mein Kampf hatte Hitler bereits vor seinem DAP-Beitritt, im Sommer 1919, im Kreis von Reichswehr-Kameraden über die Gründung einer neuen Partei diskutiert. Sein Namensvorschlag: Sozialrevolutionäre Partei. Die Begründung: „weil ja die sozialen Anschauungen der neuen Gründung tatsächlich eine Revolution bedeuteten."12 Was ihn nach eigener Darstellung radikalisiert hatte, waren Gottfried Feders Vorträge über die Brechung der Zinsknechtschaft, der Angriff auf das internationale Finanzkapital. Hitler nannte seinen Vorschlag nicht national, sondern sozialrevolutionär.

Dass die Partei nicht Sozialrevolutionäre Partei hieß, sondern Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, verdankt sich Rudolf Jung. Jung, die Schlüsselfigur der österreichischen DNSAP, überzeugte Hitler, stattdessen dem Namensmodell der böhmischen Partei zu folgen.13 Am 20. Februar 1920 wurde die Umbenennung im Vereinsregister München eingetragen. Am 24. Februar 1920 verkündete Hitler den neuen Namen bei einer Massenversammlung im Hofbräuhaus ⁓ zusammen mit dem 25-Punkte-Programm der Partei,14 das seinerseits eine Bearbeitung des österreichischen DNSAP-Programms war, adaptiert von Hitler, Drexler, Feder und Dietrich Eckart.15 Die Wortfolge war umgestellt: aus Deutsche Nationalsozialistische wurde Nationalsozialistische Deutsche. Leider is kein formales Protokoll der DAP über die Umbenennungsentscheidung bekannt.

Der Name sollte Links und Rechts gleichzeitig ansprechen ⁓ die einen mit dem Sozialismus, die anderen mit dem Nationalismus, beide mit dem Arbeiter im Namen.

Als Hitler 1920 den Namen Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei verkündete, war jedes Wort darin schon vergeben. Nationalsozial hatte Naumann 1896 geprägt, nationalsozialistische Arbeiterpartei die Böhmen 1918, socialiste national der Franzose Biétry 1902. Die lange Geschichte eines Namens.


  1. Sternhell, Zeev: Maurice Barrès et le nationalisme français, Armand Colin, Paris 1972. Sternhell analysiert Barrès’ Synthese von Nationalismus und Sozialismus als Vorläufer des Faschismus. Vgl. auch ders.: La droite révolutionnaire 1885⁓1914. Les origines françaises du fascisme, Seuil, Paris 1978. ↩︎

  2. Barrès kandidierte im Mai 1898 in Nancy (Meurthe-et-Moselle) bei den Parlamentswahlen. Sein Programm trug den Titel républicain socialiste nationaliste. Er unterlag dem liberalen Kandidaten. Vgl. Assemblée nationale, Fiche Sycomore Nr. 434. ↩︎

  3. Naumann, Friedrich: Nationalsozialer Katechismus, Göttingen 1897. Programmentwurf des im November 1896 gegründeten Nationalsozialen Vereins. ↩︎

  4. Der Nationalsoziale Verein gewann bei der Reichstagswahl am 16. Juni 1903 nur einen einzigen Sitz (Hellmut von Gerlach). Daraufhin beschloss der Verein seine Auflösung und den Beitritt zur Freisinnigen Vereinigung, die 1910 in der Fortschrittlichen Volkspartei aufging. Vgl. Theiner, Peter: Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland (1860⁓1919), Nomos, Baden-Baden 1983. ↩︎

  5. Die Partei wurde 1897 als Strana národních dělníků (Partei der Nationalarbeiter) gegründet und 1898 in Česká strana národně sociální umbenannt. Vgl. Agnew, Hugh LeCaine: The Czechs and the Lands of the Bohemian Crown, Hoover Institution Press, Stanford 2004. ↩︎

  6. Die DAP wurde am 14. November 1903 in Aussig (Ústí nad Labem) von Ferdinand Burschofsky und Wilhelm Prediger gegründet. Vgl. Whiteside, Andrew G.: Austrian National Socialism before 1918, Martinus Nijhoff, Den Haag 1962. ↩︎

  7. Whiteside, Austrian National Socialism before 1918, 1962. Der Parteitag vom 4./5. Mai 1918 in Wien war der letzte gesamtösterreichische; danach teilte sich die Partei in einen tschechoslowakischen und einen österreichischen Zweig. ↩︎

  8. Jung, Rudolf: Der nationale Sozialismus. Seine Grundlagen, sein Werdegang und seine Ziele, Selbstverlag, Trautenau 1919. Zweite, erweiterte Auflage 1922. Volltext der 2. Auflage auf Archive.org. ↩︎

  9. Biétry gründete am 1. April 1902 die Fédération nationale des Jaunes de France und 1903 die Parti socialiste national. Vgl. Maillard, Christophe: Pierre Biétry (1872⁓1918): du socialisme au nationalisme, ou l’aventure du leader des Jaunes à la Belle Époque, Diss. Paris X-Nanterre 2006, dir. Stéphane Courtois. ↩︎

  10. Auf dem Kongress der FNJF 1904 wurde die Bezeichnung socialiste verworfen. Vgl. Maillard, Pierre Biétry, 2006, sowie Sternhell, La droite révolutionnaire, 1978. ↩︎

  11. Die DAP begann die Mitgliedernummerierung bei 501. Hitlers Nummer 555 entspricht dem 55. Beitritt. Vgl. Kershaw, Ian: Hitler 1889⁓1936: Hubris, Allen Lane, London 1998, S. 125. ↩︎

  12. Hitler, Adolf: Mein Kampf, Bd. 1, Franz Eher Verlag, München 1925, Kapitel IX (Die Deutsche Arbeiterpartei). Das vollständige Zitat lautet: „So kamen wir auf den Namen ‚Sozialrevolutionäre Partei’; dies deshalb, weil ja die sozialen Anschauungen der neuen Gründung tatsächlich eine Revolution bedeuteten." ↩︎

  13. Vgl. Whiteside, Austrian National Socialism before 1918, 1962, sowie Kershaw, Hitler 1889⁓1936, 1998, S. 141⁓142. Jung stellte den Kontakt zwischen der DNSAP und der Münchner DAP her und beeinflusste sowohl Namensgebung als auch Programm. ↩︎

  14. Verkündet am 24. Februar 1920 im Festsaal des Hofbräuhauses vor rund 2.000 Zuhörern. Vgl. Kershaw, Hitler 1889⁓1936, 1998, S. 144⁓147. ↩︎

  15. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP übernahm wesentliche Punkte aus dem Programm der österreichischen DNSAP. Vgl. Whiteside, Austrian National Socialism before 1918, 1962, sowie Brandstötter, Rudolf: Dr. Walter Riehl und die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung in Österreich, Diss. Wien 1969. ↩︎