Stephan Schmidt ⸺ 1. February 2026

Der doppelte blinde Fleck: Wie Ost und West den Faschismus falsch lasen


TL;DR: Sowohl die Dimitrov-Formel im Osten als auch die Frankfurter Schule im Westen reduzierten den Faschismus auf ein Produkt des Kapitalismus und der Rechten. Beide ignorierten den Sozialismus im Nationalsozialismus — aus ideologischer Selbstverteidigung. Götz Aly belegte empirisch, was Zeev Sternhell theoretisch formuliert hatte: Der Faschismus ist eine Synthese aus Nationalismus und Sozialismus. Der doppelte blinde Fleck war kein analytischer Irrtum, sondern politische Notwendigkeit.

Im Mai 1945 lag ein Kontinent in Trümmern, und die dringlichste intellektuelle Frage der Nachkriegszeit schien einfach: Was war der Faschismus? Beide Seiten des sich formierenden Eisernen Vorhangs gaben Antworten, die im Kern dasselbe sagten: Der Faschismus war ein Produkt des Kapitalismus, ein Phänomen der Rechten, das Gegenteil des Sozialismus.

Beide lagen falsch. Und beide lagen aus demselben Grund falsch.

Im Osten hatte Georgi Dimitrov bereits 1935 auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale die Definition geliefert, die zur Staatsdoktrin des gesamten Ostblocks werden sollte: Der Faschismus sei „die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals".1 Georgi Dimitrov (1882–1949), bulgarischer Kommunist, wurde 1933 im Reichstagsbrandprozess freigesprochen und anschließend Generalsekretär der Komintern. Nach 1945 wurde er Ministerpräsident Bulgariens. Die Formel war elegant in ihrer Einfachheit: Der Faschismus war das letzte Aufbäumen des Kapitalismus, seine brutalste Form. Er kam von rechts, er diente dem Kapital, er war das Gegenteil des Sozialismus ⁓ per Definition. Aus dieser Definition folgte eine bequeme Konsequenz: In einem sozialistischen Staat konnte es keinen Faschismus geben. Nicht weil man ihn überwunden hätte, sondern weil die ökonomische Basis, die ihn angeblich hervorbrachte, abgeschafft worden war.

Im Westen setzte die Frankfurter Schule den intellektuellen Rahmen. Max Horkheimers berühmter Satz von 1939 ⁓ „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen"2 ⁓ wurde zum Leitmotiv einer Generation von Forschern. Theodor Adorno und seine Schüler analysierten den Faschismus als Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft, als Produkt autoritärer Charakterstrukturen, die der kapitalistische Wettbewerb hervorbrachte.3 Die Analyse war differenzierter als die Dimitrov-Formel ⁓ aber die Grundannahme war dieselbe: Faschismus war ein Auswuchs des Kapitalismus. Wichtiger als die Fakten war die Abgrenzung. Die Neue Linke der Nachkriegszeit brauchte eine klare Trennlinie zwischen ihrem Sozialismus und dem der Nationalsozialisten, und die Frankfurter Schule lieferte sie.

Was beide Seiten übersahen ⁓ oder genauer: was beide Seiten nicht sehen wollten ⁓ stand im Namen des Feindes. Die Partei, die das Deutsche Reich in den Abgrund geführt hatte, hieß Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Beide Wörter standen dort: der Nationalismus und der Sozialismus. Die NSDAP ging 1920 aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) hervor, die 1919 in München von Anton Drexler und Karl Harrer gegründet worden war ⁓ als Partei der Arbeiter. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 forderte die Verstaatlichung von Trusts, Gewinnbeteiligung an Großbetrieben und die „Brechung der Zinsknechtschaft"4 ⁓ Forderungen, die in jeder sozialistischen Partei der Weimarer Republik hätten stehen können. Dass dieser Sozialismus ein anderer war als der rote Sozialismus der Arbeiterbewegung ⁓ nationalistisch statt internationalistisch, völkisch statt klassenbewusst, gelb statt rot ⁓ änderte nichts daran, dass er existierte. Er wurde in der Analyse aber ignoriert.

Die Gründe waren auf beiden Seiten dieselben: ideologische Selbstverteidigung. Für die DDR hätte ein ehrlicher Blick auf die sozialistischen Elemente des Faschismus die Legitimation des gesamten Staates untergraben. Für die westliche Linke hätte er das Eingeständnis bedeutet, dass die eigene Ideologie kein Immunsystem gegen den Totalitarismus besaß.

Die Absurdität der östlichen Position zeigte sich besonders deutlich in der DDR selbst. Das Regime hatte seine Existenz auf der Prämisse errichtet, dass ein sozialistischer Staat per Definition frei von Faschismus sei - dass alle Bürger der DDR praktisch alle Widerstandskämpfer gewesen waren.

Doch die Gebiete der DDR gehörten bei den letzten Reichstagswahlen der Weimarer Republik zu den Hochburgen der NSDAP.5 Thüringen war 1930 das erste Land gewesen, in dem die NSDAP an einer Landesregierung beteiligt wurde, als Wilhelm Frick zum Innen- und Volksbildungsminister ernannt wurde ⁓ drei Jahre vor der Machtergreifung.6 Dass diese Wähler nach 1945 nicht verschwunden waren, sondern lediglich die Parteiabzeichen gewechselt hatten, wurde in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht thematisiert. Im Osten konnte nicht sein, was nicht sein durfte.7

So entstanden zwei identische blinden Flecken. Beide Seiten sahen den Nationalismus, den Terror, die Diktatur. Aber den Sozialismus im Faschismus zu sehen ⁓ den linken Totalitarismus, die sozialen Leistungen des Regimes mit denen der Arbeiter gekauft worden war, die Ähnlichkeit der Programme, Strasser, Röhm, die SA, die Beefsteak-Nazis ⁓ hätte die jeweils eigene Position gefährdet. Also war nicht die Analyse und das Verständnis des Faschismus das Ziel, sondern die ideologische Abgrenzung. Wer aber den Faschismus nicht versteht, kann ihn auch nicht verhindern.

Erst 2005 durchbrach der Historiker Götz Aly dieses Schweigen ⁓ nicht mit Theorie, sondern mit Akten. In Hitlers Volksstaat wertete Aly systematisch die Finanzakten des Dritten Reiches aus und zeigte, was die ideologischen Brillen beider Seiten jahrzehntelang ausgeblendet hatten.8 „Kraft durch Freude" (KdF) war die Freizeitorganisation der Deutschen Arbeitsfront. Zwischen 1934 und 1939 nahmen über 43 Millionen Deutsche an KdF-Urlaubsreisen teil ⁓ für viele Arbeiter der erste Urlaub ihres Lebens. Das NS-Regime hatte die Zustimmung der Massen nicht allein durch Terror und Propaganda erkauft, sondern durch handfeste materielle Umverteilung: Steuererleichterungen für Arbeiter, KdF-Reisen, subventionierte Volkswagen, Ehestandsdarlehen. Der nationalsozialistische Staat praktizierte einen Sozialismus der Volksgemeinschaft, der Millionen Deutsche zu Nutznießern und damit zu Komplizen machte. Die „soziale Volksgemeinschaft" war keine bloße Propaganda ⁓ sie war reale Umverteilungspolitik, finanziert durch die Ausplünderung der besetzten Länder und die Enteignung der europäischen Juden - die an Zynismus und Grausamkeit nicht zu übertreffend auch noch für ihre Ermordung zahlen mussten.

Was Aly empirisch belegte, hatte Zeev Sternhell bereits theoretisch formuliert: Der Faschismus ist die Synthese aus organischem Nationalismus und anti-materialistischem Sozialismus.9 Nicht der rote Sozialismus der Internationalen, sondern ein „gelber" Sozialismus, der den Klassenkampf durch den Kampf der Nationen ersetzte ⁓ aber ein Sozialismus, Sozialismus der Nation anstatt der Klasse, der reale Verbesserungen für die eigene Arbeiterklasse lieferte, solange man nur zur Volksgemeinschaft gehörte. Sternhells Formel wurde von beiden Seiten abgelehnt ⁓ von der Linken, weil sie den Sozialismus im Faschismus nicht akzeptieren konnte, und von der Rechten, weil sie den Nationalismus nicht als Weg in den Faschismus sehen wollte.

Dass Ost und West unabhängig voneinander zum selben Fehlschluss kamen, ist kein Zufall. Es ist der Beweis, dass die Verzeichnung des Faschismus kein analytischer Irrtum war, sondern eine politische Notwendigkeit ⁓ auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Eine ehrliche Analyse hätte gezeigt, was Sternhell und Aly in verschiedenen Jahrzehnten demonstrierten: Der Faschismus sitzt nicht am rechten Ende eines Bandes. Er sitzt an der Spitze eines Ringes ⁓ dort, wo Nationalismus und Sozialismus sich treffen.


  1. Georgi Dimitrov, Bericht an den VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 2. August 1935. Die vollständige Definition lautete: „Der Faschismus an der Macht ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals." Diese Formel wurde zur verbindlichen Faschismusdefinition aller kommunistischen Parteien und Staaten. ↩︎

  2. Horkheimer, Max: „Die Juden und Europa", in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 8, 1939, S. 115. ↩︎

  3. Vgl. Adorno, Theodor W. / Frenkel-Brunswik, Else / Levinson, Daniel J. / Sanford, R. Nevitt: The Authoritarian Personality, New York: Harper & Brothers, 1950; sowie Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam: Querido, 1947. ↩︎

  4. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP vom 24. Februar 1920 forderte unter anderem: „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe" (Punkt 13), „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben" (Punkt 14) und „Brechung der Zinsknechtschaft" (Punkt 11). ↩︎

  5. Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 erzielte die NSDAP in mehreren Gebieten der späteren DDR Ergebnisse über dem Reichsdurchschnitt von 43,9 Prozent: in Mecklenburg rund 48 Prozent, in Thüringen rund 47 Prozent, im Wahlkreis Frankfurt/Oder rund 55 Prozent. Auch in weiten Teilen Sachsens lag die NSDAP über dem Durchschnitt. ↩︎

  6. Thüringen war das erste Land, in dem die NSDAP an einer Landesregierung beteiligt wurde. Am 23. Januar 1930 wurde Wilhelm Frick zum Innen- und Volksbildungsminister ernannt ⁓ der erste NSDAP-Minister auf Landesebene überhaupt. ↩︎

  7. Frei nach Christian Morgensterns „Die unmögliche Tatsache" (1910): „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." ↩︎

  8. Aly, Götz: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005. ↩︎

  9. Sternhell, Zeev / Sznajder, Mario / Ashéri, Maia: The Birth of Fascist Ideology: From Cultural Rebellion to Political Revolution, Princeton University Press, 1994, S. 10: „Fascism was a synthesis of organic nationalism and anti-materialist socialism." ↩︎