Stephan Schmidt ⸺ 15. February 2026

Völkerfreundschaft hinter Mauern: Rassismus in der DDR


TL;DR: Die DDR definierte Rassismus als Produkt des Kapitalismus und erklärte ihn damit im Sozialismus für unmöglich. Diese Ideologie machte den Staat blind für die eigene Realität: Afrikanische Studenten dokumentierten ab 1965 rassistische Übergriffe in Leipzig. Über 200.000 Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik und Angola lebten in segregierten Wohnheimen mit fünf Quadratmetern pro Person. Eine Skinhead-Szene wuchs in den 1980er Jahren auf über tausend Personen. Und die 380.000 sowjetischen Soldaten, offiziell die besten Freunde, lebten hinter Zäunen und Mauern in einer Parallelgesellschaft, die von der Bevölkerung mit antirussischen Ressentiments begleitet wurde.

Im Januar 1965 verfassten drei Funktionäre der Union der Afrikanischen Studenten und Arbeiter in der DDR (UASA) ein Schreiben, das sie an den Oberbürgermeister von Leipzig, den Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, das Ministerium des Innern und den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht schickten. Der Titel: Besorgnisse der Afrikanischen Studenten und Arbeiter in der DDR. Die Unterzeichner ⁓ Präsident Magona, Mubarak und Sekretär Asamoa ⁓ dokumentierten darin eine „zunehmend angespannte Beziehung zwischen afrikanischen Studenten und Arbeitern und der deutschen Bevölkerung ⁓ besonders der Leipziger Bevölkerung".1

Die UASA (Union der Afrikanischen Studenten und Arbeiter in der DDR) wurde 1960 als panafrikanische Dachorganisation gegründet. Ihr erster Präsident war Sheku Magona aus Sierra Leone, Student in Leipzig. Die DDR erkannte sie 1961 an, betrachtete sie aber von Anfang an als zu unabhängig. Taxifahrer in Leipzig weigerten sich, schwarze Studenten zu befördern ⁓ besonders wenn diese in Begleitung weißer Frauen waren. In Restaurants wurde ihnen die Bedienung verweigert. Diskotheken verwehrten ihnen den Eintritt unter fadenscheinigen Vorwänden. In öffentlichen Verkehrsmitteln kam es zu Übergriffen.1 Die Vorfälle häuften sich in den Bezirken Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz ⁓ in Sachsen.

Das Schreiben benannte ein Problem, das offiziell nicht existierte. Die DDR hatte den Kapitalismus abgeschafft, den Faschismus besiegt, den Rassismus überwunden ⁓ so die Staatsdoktrin. Ein Beschwerdeschreiben über Rassismus in einem sozialistischen Staat war nicht nur unbequem. Es war ein Angriff auf die ideologische Grundlage des Staates selbst.

Die DDR folgte der Faschismusdefinition Georgi Dimitrovs vom VII. Weltkongress der Komintern 1935: Faschismus sei „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals".2 Die logische Kette war schlüssig und folgenreich: Faschismus ist ein Produkt des Kapitalismus. Die DDR hat den Kapitalismus überwunden. Also kann es in der DDR keinen Faschismus geben. Rassismus und Antisemitismus sind Erscheinungen des Faschismus. Also kann es in der DDR keinen Rassismus geben. Aus einer Theorie wurde ein Axiom, und aus dem Axiom wurde eine Blindheit, die vier Jahrzehnte lang anhielt.3 Im August 1978 erklärte Erich Honecker auf der Weltkonferenz gegen Rassismus in Genf, in der DDR sei „der menschenfeindliche Rassismus mit der Wurzel ausgerottet".4

Vier Jahre vor dem Beschwerdeschreiben, 1961, war ein afrikanischer Student an der Humboldt-Universität zu Berlin exmatrikuliert und aus der DDR ausgewiesen worden. Sein Vergehen: Er hatte Rassismus öffentlich auf einer Wandzeitung kritisiert.5 In der ersten Hälfte der 1960er Jahre wurden Einzelbeschwerden über rassistische Vorfälle von den Behörden als Missverständnisse oder subjektive Überempfindlichkeit abgetan. Wer den Rassismus benannte, beschädigte das Ansehen der DDR ⁓ und das wog schwerer als der Rassismus selbst.

Sara Pugach, Historikerin an der California State University in Los Angeles, veröffentlichte 2022 mit African Students in East Germany, 1949⁓1975 die erste umfassende Monographie zum Thema. Ihr Werk basiert auf Archivmaterial aus Deutschland, Ghana, Kenia, Sambia und Großbritannien. Die ersten afrikanischen Studenten waren 1951 nach Leipzig gekommen, elf nigerianische Gewerkschafter, die nach dem Massaker an der Iva Valley Coal Mine in Enugu 1949 von der FDJ eingeladen worden waren. Die britische Kolonialverwaltung in Nigeria verbot ihnen die Rückkehr. Die DDR bot ihnen Stipendien für technische und naturwissenschaftliche Fächer an, und Leipzig etablierte sich als Zentrum für ausländische Studierende.6 In den 1950er Jahren kamen die meisten aus Nordkorea, China und Vietnam. Ab Anfang der 1960er Jahre verschob sich die Zusammensetzung in Richtung Afrika und der arabischen Welt. Um 1960 studierten etwa 1.800 Ausländer in der DDR, im Studienjahr 1970/71 bereits 4.700. Über den gesamten Zeitraum von 1951 bis 1989 absolvierten zwischen 64.000 und 78.400 ausländische Studenten ihre Ausbildung in der DDR ⁓ bis zu drei Prozent aller Absolventen.7

Für die DDR waren diese Studenten ein außenpolitisches Instrument. Sie sollten als zukünftige Funktionäre und Fachkräfte in ihre Heimatländer zurückkehren, dort den Sozialismus aufbauen und die DDR als fortschrittlichen, antiimperialistischen Staat in Erinnerung behalten. Die Ausbildung war Hilfe und Investition zugleich ⁓ Völkerfreundschaft im Dienst der Außenpolitik.

Das Betreuungssystem der Universität spiegelte diese Doppelfunktion. Deutschen Studenten, meist von der FDJ organisiert, wurden ausländische Kommilitonen als Mentoren zugeteilt. Offiziell ging es um sprachliche Hilfe und kulturelle Eingewöhnung. Tatsächlich fühlten sich die ausländischen Studenten beobachtet und ausgefragt.8 Ein Komitee für Angelegenheiten ausländischer Studierender, eine Sonderarbeitsgruppe unter dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen, koordinierte und kontrollierte die kulturelle und politische Arbeit der Studentenvereinigungen. Bis 1984 hatte dieses Komitee nahezu uneingeschränkte Vollmacht über Zulassungen und vorzeitige Exmatrikulationen ⁓ unter Umgehung des geltenden Hochschulrechts, das diese Befugnisse eigentlich den Rektoren vorbehielt.8 Die Staatssicherheit überwachte ausländische Studenten zusätzlich und warb arabische Studenten als Inoffizielle Mitarbeiter an.9

Die Nationalen Hochschulgruppen (NHG) waren vom Staat eingerichtete Organisationen, in denen ausländische Studenten nach Herkunftsland zusammengefasst wurden. Über die NHG kontrollierte die SED die politische Arbeit und den Informationsfluss unter den ausländischen Studenten. Die UASA war dem Staat von Anfang an suspekt. Eine panafrikanische Organisation, die Studenten aller afrikanischen Herkunftsländer vereinigte, widersprach dem Prinzip, dass ausländische Studenten nur in den vom Staat arrangierten Nationalen Hochschulgruppen organisiert sein sollten. Unabhängige, transnationale Vereinigungen bargen, so die Befürchtung, unerwünschtes subversives Potential.10 Und die UASA bestätigte diese Befürchtung. Im Frühjahr 1963 warfen Studenten aus Togo Präsident Magona vor, mit der FDJ zusammenzuarbeiten und ein gekaufter Mann zu sein. Rostocker Mitglieder gründeten eine eigene, alternative afrikanische Studentenunion, weil sie die Leipziger Sektion für Handlanger der SED hielten.10

Die Reaktion der DDR-Behörden auf das Beschwerdeschreiben von 1965 folgte einem Muster, das sich über die gesamte Existenz des Staates wiederholte. Am 22. Januar 1965 trafen sich Universitätsvertreter mit den UASA-Funktionären. Antworten aus den Ministerien kamen erst im März. Die Vorfälle wurden auf höherer Ebene bestätigt, es kam zu einem Gespräch mit dem Leipziger Taxiunternehmen. Das Schreiben selbst und die rassistischen Übergriffe sollten unter Verschluss gehalten werden. Das Bewusstsein für Rassismus als gesellschaftliches Problem war, so die spätere Forschung, auf ostdeutscher Seite kaum entwickelt.11

Vier Jahre, nachdem die UASA ihre Beschwerde an Ulbricht geschickt hatte, kamen die ersten Vertragsarbeiter.

Die DDR begann ab den 1960er Jahren, bilaterale Abkommen über die zeitweilige Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte zu schließen. Ab 1966 kamen polnische Arbeiter in grenznahe Fabriken, ab 1974 Algerier, ab 1979 Mosambikaner, ab 1980 Vietnamesen, ab 1978 Kubaner, ab 1985 Angolaner. Bis 1990 kamen insgesamt über 200.000 Arbeitsmigranten in die DDR. Ende 1989 befanden sich knapp 94.000 Vertragsarbeiter im Land, die größte Gruppe aus Vietnam mit rund 60.000, gefolgt von etwa 21.000 Mosambikanern und 8.300 Kubanern.12

Der Begriff Vertragsarbeiter war die offizielle Bezeichnung. Er betonte den temporären Charakter: Die Arbeiter kamen auf Grundlage bilateraler Regierungsabkommen, für eine vertraglich festgelegte Dauer, und sollten danach in ihre Heimatländer zurückkehren. Die Lebensumstände der Vertragsarbeiter unterschieden sich grundlegend von denen der ausländischen Studenten der 1950er und 1960er Jahre. Studenten lebten in Wohnheimen auf dem Universitätsgelände und hatten zumindest formalen Kontakt zu deutschen Kommilitonen. Vertragsarbeiter wurden in betriebseigenen Wohnheimen untergebracht, die häufig isoliert von deutschen Wohngebieten lagen. Die Wohnfläche betrug fünf Quadratmeter pro Person. Zimmer mit bis zu vier Mitbewohnern, Doppelstockbetten, strenge Hausordnungen. Ankunft und Abfahrt wurden am Wohnheimeingang erfasst.13

Die offizielle Propaganda stellte die Vertragsarbeiter als Schützlinge dar, die in der DDR erzogen werden sollten. In Betriebsakten wurden erwachsene Arbeiter als Jungen und Mädchen geführt. Die DDR-Presse beschrieb sie als Lernende, die „das Gelernte mit nach Hause nehmen" und „beim Aufbau einer jungen Industrie" einsetzen würden.4 Die Segregation war kein Versäumnis. Horst Rademacher, stellvertretender Staatssekretär für Arbeit und Löhne, schrieb am 24. Juni 1986 an Wolfgang Greß, Staatssekretär der Staatlichen Plankommission: „Wir sehen nach jahrelangen Erfahrungen und Versuchen solche Probleme zu mildern keine andere Lösung."4

Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. September 1935 verbot sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes. Auch die DDR kriminalisierte intime Beziehungen über eine staatlich gezogene Grenze hinweg. Der Kontakt zur DDR-Bevölkerung war extrem eingeschränkt. Arbeiter waren in der Regel auf ihr Wohnheim oder einen Stadtteil beschränkt, den Deutsche nicht betreten durften. Sexuelle Beziehungen mit Deutschen führten zur Abschiebung.14 Die rechtliche Grundlage lieferte der Staat selbst. Das Ausländergesetz der DDR vom 28. Juni 1979 erlaubte in Paragraph 6, die Aufenthaltsgenehmigung jederzeit „zeitlich und örtlich beschränkt, versagt, entzogen oder für ungültig erklärt" werden konnte ⁓ und fügte hinzu: „Die Entscheidung bedarf keiner Begründung."15 Eine Verordnung über Eheschließungen vom 30. November 1988 verlangte für die Ehe eines DDR-Bürgers mit einem Ausländer die staatliche Genehmigung. Versagungsgrund: „staatliche Interessen der Deutschen Demokratischen Republik". Sie wurde erst durch den Einigungsvertrag am 31. August 1990 aufgehoben.16 Die Historikerin Marcia Schenck stellt fest: „It was in the interests of all three states to make marriage difficult in order to circumvent questions of permanent emigration" (Es lag im Interesse aller drei Staaten, Ehen zu erschweren, um Fragen dauerhafter Einwanderung zu umgehen).17 Männer und Frauen wurden strikt voneinander getrennt ⁓ auch Ehepaare.18 Verstöße gegen die Hausordnung wurden an die jeweilige Botschaft gemeldet und konnten zur Abschiebung führen.13

Für Frauen gab es eine weitere Regel: Schwangerschaften waren verboten. Vor 1987 standen schwangere Frauen vor der Wahl zwischen Abtreibung und vorzeitiger Rückkehr in ihre Heimat mit einem unehelichen Kind. Auch nach einer Modifikation des Regierungsabkommens im Jahr 1987 blieb diese Grundregel bis Anfang 1989 bestehen. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt: „Den größten Eingriff in die Rechte und die Selbstbestimmung der Vertragsarbeiterinnen stellte das ‚Verbot’ von Schwangerschaften dar." Eine vietnamesische Vertragsarbeiterin erinnert sich: „Wir mussten entweder nach Hause oder abtreiben. Es gab keine Beratung ⁓ gar nichts ⁓ wir mussten selber entscheiden." Auf die Frage, ob viele Frauen abgetrieben haben, antwortete sie: „Ja, viele."19

Madgermanes ist eine Verballhornung von Made in Germany. In Mosambik wurde der Name zum Schimpfwort, das soziale Ausgrenzung nach sich zog. Die ehemaligen Vertragsarbeiter demonstrieren seit über 30 Jahren jeden Mittwoch in Maputo für die ausstehenden Löhne. Die mosambikanischen Vertragsarbeiter erfuhren eine zusätzliche Form der Ausbeutung. Das Abkommen zwischen Erich Honecker und Samora Machel vom 24. Februar 1979 sah vor, dass zwischen 25 und 60 Prozent des Nettolohns oberhalb eines Grundbetrags von 350 DDR-Mark einbehalten wurden. Den Arbeitern wurde versprochen, das Geld werde auf ein Konto eingezahlt, auf das sie bei Rückkehr nach Mosambik zugreifen könnten. Als sie nach 1989 zurückgeschickt wurden, waren die meisten Konten leer.20 Das einbehaltene Geld verblieb in der DDR und wurde mit mosambikanischen Staatskrediten verrechnet. Der ausstehende Betrag wird auf 600 Millionen Euro geschätzt.21 Über hundert Wissenschaftler forderten in einem offenen Brief an die Bundesregierung Entschädigung.22

Die Vertragsarbeiter aus Vietnam wurden im Volksmund Fidschis genannt ⁓ ein Schimpfwort, das ausschließlich in der DDR und den späteren neuen Bundesländern gebräuchlich war und in den alten Bundesländern unbekannt blieb.23 Mosambikaner wurden als Braunkohle bezeichnet.24 Die Begriffe dokumentieren eine Hierarchie, die sich in der staatlichen Praxis widerspiegelte. Geopolitische Nähe, ökonomische Verhandlungsmacht und Hautfarbe wirkten zusammen. Polnische Arbeiter genossen ab 1966 einen Sonderstatus und durften in grenznahen Betrieben arbeiten ⁓ ein Privileg, das nicht-europäischen Vertragsarbeitern nicht gewährt wurde. Vietnamesen und Mosambikaner waren am stärksten segregiert: die strengsten Kontaktverbote, der Wohnheimzwang, das Schwangerschaftsverbot, die Lohneinbehaltung.25 Ein Zeitzeuge beschrieb die Stimmung: „Die allgemeine Meinung war: Die Buschleute kommen. Davor waren schon Algerier hier… Aber der Algerier ist ein anderer Mensch. Der Algerier passt mehr in das Europäische."24 Ungarische Vertragsarbeiter, die zwischen 1967 und 1983 in der DDR arbeiteten, erhielten den gleichen Lohn wie ihre deutschen Kollegen, arbeiteten in gemischten Brigaden und konnten Konsumkredite aufnehmen. Einige heirateten DDR-Bürger und blieben im Land.26

Aber bevor die Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik in größerer Zahl kamen, hatte sich die rassistische Gewalt in der DDR bereits entladen ⁓ gegen Algerier.

In Erfurt arbeiteten ab 1974 etwa 8.000 algerische Vertragsarbeiter in den Folgejahren des bilateralen Abkommens. Das Baukombinat Erfurt verteilte 1974 eine sogenannte Aufklärungsbroschüre, in der den algerischen Arbeitern rückständige Lebensweise, Leistungsunwillen und eine Vorliebe für 12- bis 14-jährige Mädchen angedichtet wurden (Quelle siehe Haupttext) Am 10. August 1975 eskalierte es in Erfurt. Frei erfundene Anschuldigungen verbreiteten sich: Vergewaltigung deutscher Frauen, Mord an bis zu zehn Deutschen. Erst etwa 150, dann bis zu 300 Jugendliche jagten algerische Arbeiter durch die Erfurter Innenstadt, schlugen mit Latten und Stangen auf sie ein. Die pogromartige Gewalt dauerte vier Tage.27 Die rassistischen Ausschreitungen wurden im offiziellen Narrativ verschwiegen. Sie passten nicht in das antifaschistische und antiimperialistische Weltbild der DDR. Bei einer Konferenz mit SED-Delegierten wurde das Narrativ verbreitet, die Ausschreitungen beruhten auf westlicher Infiltration und das Ziel sei gewesen, die DDR und ihren Antifaschismus zu diskreditieren.27 Die Erfurter Hetzjagd gilt als das erste rassistische Pogrom in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.28

Vier Jahre nach Erfurt, am 12. August 1979, wurden zwei kubanische Vertragsarbeiter in Merseburg von einem Mob von etwa 150 Personen durch die Stadt gejagt und in die Saale getrieben. Sie ertranken. Ein interner MfS-Vermerk vom 16. Oktober 1979 dokumentiert, dass „unter Berücksichtigung der brüderlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Kuba" beschlossen wurde, keine strafrechtlichen Maßnahmen gegen die Beteiligten einzuleiten und das Verfahren gegen Unbekannt einzustellen.29 Der Fall wurde erst 2016 durch die Forschung Harry Waibels öffentlich bekannt.

Dreizehn Jahre früher, am 25. Februar 1968, war ein Vorfall dokumentiert worden, der das Muster in seiner ganzen Klarheit zeigt. In der Gaststätte Palette in Heiligendamm griffen zwei junge Männer einen 24-jährigen mongolischen Studenten an. Einer sagte im Stasi-Verhör: „Ich wollte ihn verprügeln, weil er ein Mongole ist … Mir gefiel seine Erscheinung als Mongole einfach nicht." Sie beschimpften ihn als Mongolenhund, Mongolenschwein und Schlitzauge. Der andere fügte hinzu: „Du Mongolenschwein studierst auf unsere Kosten."30 Das Kreisgericht Bad Doberan verurteilte die beiden zu einem Jahr und fünfzehn Monaten Haft wegen Staatsverleumdung nach Paragraph 220 des DDR-Strafgesetzbuchs. Das Gericht begründete, die Äußerungen „standen in krassem Widerspruch zur Politik unseres Staates bezüglich der internationalen Freundschaft". Verurteilt wurde nicht die rassistische Tat gegen das Opfer, sondern der Verstoß gegen das Staatsbild. Einen Straftatbestand rassistisch motivierte Gewalt gab es im DDR-Recht nicht.30

Der Rassismus richtete sich nicht nur gegen Afrikaner und Asiaten. Arabische Studenten erlebten eine eigene Variante. Sie besaßen Pässe blockfreier Staaten, mit denen sie in den Westen reisen konnten ⁓ ein Privileg, das DDR-Bürgern verwehrt war. Ab den 1980er Jahren zahlten Libyen und Syrien in Devisen für Studienplätze, über 600 syrische Doktoranden studierten in der DDR. Den arabischen Studenten wurde Arroganz unterstellt, und sie wurden als Konkurrenz wahrgenommen ⁓ „Die nehmen uns unsere Frauen weg".9 Die Stasi nutzte diese Verwundbarkeit: Nach Mielkes Befehl 3/81 wurden arabische Studenten systematisch als Inoffizielle Mitarbeiter angeworben. Liebesbeziehungen zu deutschen Frauen wurden dabei sowohl bekämpft als auch geheimpolizeilich ausgenutzt.31

Parallel dazu wuchs im Laufe der 1980er Jahre eine Bewegung heran, die der Staat nach seiner eigenen Ideologie nicht erklären konnte.

Die Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit war zuständig für die Bekämpfung der politischen Untergrundtätigkeit. Sie überwachte Kirchen, Opposition, Kultur und ab den späten 1980er Jahren auch Skinheads. 1987 erfasste die Hauptabteilung XX des MfS etwa 800 Skinheads in der DDR, mehr als die Hälfte davon in Berlin und Potsdam. Die Personen waren zwischen 16 und 25 Jahre alt und wurden anhand ihres äußeren Erscheinungsbildes und ihres Verhaltens klassifiziert.32 Im Oktober 1988 waren 1.067 Skinheads republikweit registriert.33 Die Kriminalpolizei schätzte die Gesamtzahl der Neonazis landesweit auf rund 6.000, von denen etwa 1.000 als dauerhaft gewaltbereit galten.34 Die radikalen Gruppen blieben bewusst klein ⁓ nicht mehr als zehn Personen pro Gruppe ⁓ um von Stasi und Polizei nicht entdeckt zu werden.34

Am Abend des 17. Oktober 1987 kamen etwa 1.000 Besucher in die Zionskirche in Ost-Berlin zu einem Punkkonzert mit den Bands Element of Crime aus West-Berlin und Die Firma aus Ost-Berlin. Rund 30 alkoholisierte Neonazis aus Ost- und West-Berlin stürmten durch den Seitengang. Sie schlugen auf Konzertbesucher mit Fäusten und Knüppeln ein und skandierten: Skinhead Power! Judenschweine! Sieg Heil! Juden raus aus deutschen Kirchen! Kommunistenschweine!35 Staatssicherheit und Volkspolizei waren vor Ort. Sie griffen nicht ein.35

Der Überfall auf die Zionskirche machte die gewaltbereite Neonazi-Szene in der DDR erstmals öffentlich. Ende 1987 bildeten sich die ersten antifaschistischen Gruppen innerhalb der DDR-Opposition.36 Der Historiker Jeff Hayton argumentiert, der Krawall in der Zionskirche habe die politische Legitimität der SED untergraben, weil die öffentlich gewordene Gewalt einen Kanal öffnete, über den gewöhnliche DDR-Bürger ihre Unzufriedenheit mit der Staatspolitik ausdrücken konnten.37 Erst nach dem Zionskirchen-Überfall begann die Stasi, sich intensiver mit rechtsextremen Skinheads zu befassen. Das Innenministerium bildete eine Forschungsgruppe aus Kriminologen und Soziologen.33

Das Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) in Leipzig existierte von 1966 bis 1990 unter der Leitung von Walter Friedrich. Es war die einzige Institution in der DDR, die systematisch Einstellungen von Jugendlichen erhob. Eine Studie des Zentralinstituts für Jugendforschung von 1988, veröffentlicht erst im April 1990, ergab unter befragten Schülern und Lehrlingen:38

  • 10 bis 15 Prozent zeigten Sympathien für Fragmente der NS-Ideologie.
  • 12 Prozent stimmten der Aussage zu: „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten."
  • Jeder vierte war ausländerfeindlich.
  • Ein Fünftel war der Meinung, Deutschland solle in den Grenzen von 1937 wiederhergestellt werden.
  • 95 Prozent stimmten der Aussage zu, die gesellschaftlichen Wurzeln des Faschismus seien in der DDR beseitigt worden.

Die beiden letzten Ergebnisse widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich: Die Jugendlichen hatten die Staatsdoktrin verinnerlicht ⁓ und zugleich rassistische und revanchistische Einstellungen entwickelt.

Harry Waibel, der Zugang zu 1.500 unveröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen erhielt, dokumentierte in seinem Buch Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED über 8.600 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten in der DDR, darunter rund 725 rassistische Angriffe, rund 900 antisemitische Angriffe, Tausende Verletzte und mindestens zehn Tote.39 Spätestens ab 1987 nahmen die rassistischen Übergriffe derart zu, dass sogar die Staatssicherheit vermerkte, die rassistische Gewalt habe den Bereich der Ausnahme bzw. des Einzelfalles bereits verlassen.40

Die Forschung diskutiert mehrere Erklärungen für die Entstehung der Skinhead-Szene. Die sinkende Identifikation mit der marxistisch-leninistischen Ideologie in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren schuf ein Vakuum.41 Die DDR-Antifaschismusdoktrin ersetzte individuelle Aufarbeitung der NS-Vergangenheit durch staatliche Verordnung ⁓ was Mentalitätsbestände aus der NS-Zeit konservierte, statt sie aufzulösen.42 Die Erbe-und-Tradition-Politik der 1970er Jahre, die preußische und deutsche nationalgeschichtliche Elemente rehabilitierte ⁓ Friedrich den Großen, Luther, zuletzt sogar Bismarck ⁓ lieferte Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Umdeutungen.42

Wenn die DDR solche Schwierigkeiten hatte, Rassismus gegen Afrikaner, Vietnamesen und Mosambikaner zu benennen ⁓ Menschen, deren Anwesenheit sie selbst ins Land geholt hatte ⁓ dann galt dies in noch stärkerem Maße für die antirussischen Ressentiments, die einen großen Teil der DDR-Bevölkerung durchzogen. Denn die sowjetischen Soldaten waren nicht nur Gäste. Sie waren die Grundlage, auf der der Staat existierte.

Die GSSD (Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) hieß von 1945 bis 1954 Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, ab 1988 Westgruppe der Truppen. Sie war die größte ständige Truppenkonzentration außerhalb der Sowjetunion. Von 1945 bis 1994, neunundvierzig Jahre lang, waren sowjetische Truppen auf dem Territorium der DDR stationiert. In den 1980er Jahren umfasste die GSSD rund 365.000 Soldaten, dazu 208.400 Familienangehörige, Zivilangestellte und etwa 90.000 Kinder ⁓ insgesamt über eine halbe Million sowjetische Bürger auf DDR-Boden.43 Die GSSD verfügte über 6.000 Panzer, 650 Jagdflugzeuge, 700 Hubschrauber und 9.500 Schützenpanzerwagen. Sie war damit gut doppelt so stark wie die Nationale Volksarmee, die im Juli 1988 eine Personalstärke von 173.100 Mann hatte.44 Über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1994 dienten insgesamt rund 6,1 Millionen Militärangehörige in der GSSD und ihrer Nachfolgeorganisation.45

Diese Truppen lebten nicht unter der DDR-Bevölkerung. Sie lebten neben ihr ⁓ und getrennt von ihr. Ab 1947 befahl eine Direktive des Ministers der sowjetischen Streitkräfte, dass Militärangehörige und deren Familien von der deutschen Zivilbevölkerung abzugrenzen sind.46 Daraufhin entstanden die charakteristischen, für Deutsche nur eingeschränkt zugänglichen Sperrbezirke hinter grünen Holzzäunen ⁓ Militärstädtchen, die Silke Satjukow als russische Dörfer beschreibt: die erste zuverlässige Grenze zwischen Besatzern und Besetzten.46

Wünsdorf liegt südlich von Berlin im Landkreis Teltow-Fläming. Der Ort war seit 1906 Militärstandort des Kaiserreichs, ab 1935 Sitz des Oberkommandos des Heeres (OKH) der Wehrmacht. 1945 übernahm die Rote Armee die Anlagen und machte Wünsdorf zum Sitz des Oberkommandos der GSSD. Bis zu 75.000 sowjetische Bürger lebten dort, die deutsche Wohnbevölkerung betrug rund 2.700. Der größte sowjetische Militärstandort außerhalb der Sowjetunion war Wünsdorf, im Volksmund die Verbotene Stadt oder Klein-Moskau genannt. Hier lag das Oberkommando der GSSD und der Stab der 16. Luftarmee. Bis zu 75.000 sowjetische Bürger ⁓ Soldaten, Offiziere, Familien, Kinder ⁓ lebten in einer Stadt mit eigenen Kindergärten, Schulen, Geschäften, Kinos, Schwimmbädern, Sportplätzen, einem Theater und Fabriken. Ein eigener Bahnhof verband Wünsdorf mit einer täglichen Zugverbindung nach Moskau.47 DDR-Bürger hatten keinen Zutritt zum militärischen Teil. Die GSSD unterhielt insgesamt 777 Kasernenanlagen an 276 Standorten, 47 Flugplätze und 116 Truppenübungsplätze ⁓ auf einer Gesamtfläche von etwa 2.500 Quadratkilometern, der Größe des Saarlands.43

Die Kontaktverbote galten für beide Seiten, waren aber von sowjetischer Seite strenger. Kontakte mit der deutschen Bevölkerung waren unerwünscht. Offiziere lebten mit ihren Familien in isolierten Wohngebieten. Sowjetische Soldaten, die beim Treffen mit Deutschen entdeckt wurden, wurden in die Sowjetunion zurückgeschickt. Die meisten Soldaten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt und hatten nur dreißig Minuten bis eine Stunde Freizeit pro Tag.48 Wenn Kontakt stattfand, war er in der Regel offiziell organisiert: Freundschaftsbesuche, Brigadetreffen, Delegationsaustausch.

Sowjetische Soldaten durften offiziell nur als Befreier bezeichnet werden. Die ältere Generation sprach nicht von Befreiung, sondern von Plünderungen, Brandstiftungen und willkürlichen Verhaftungen.49 Im Volksmund hießen die sowjetischen Soldaten Iwan ⁓ ein Sammelbegriff, der sich aus NS-Propaganda, Kriegserfahrungen und der fortdauernden räumlichen Trennung speiste.49 Ein DDR-Witz fasste die Stimmung zusammen: „Bei uns sind die Russen ‘45 in die Wälder rein und sind bis heute immer noch nicht wieder raus…"49

Das Verhältnis zwischen DDR-Bevölkerung und sowjetischer Besatzungsmacht war von einem Widerspruch geprägt, den der Staat nie auflöste. Auf der offiziellen Seite stand die Deutsch-Sowjetische Freundschaft als Staatsdoktrin. Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, gegründet 1947, war mit 6,4 Millionen Mitgliedern im Jahr 1988 die zweitgrößte Massenorganisation der DDR nach dem FDGB ⁓ fast 40 Prozent der gesamten Bevölkerung.50 Russisch war Pflichtfremdsprache ab der fünften Klasse. Das Motto lautete: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Sowjetische Soldaten waren offiziell Befreier und Freunde.50

Jan C. Behrends, Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam, unterscheidet eine Phase der pragmatischen Sowjetisierung (1944⁓1947) von einer Phase der utopischen Sowjetisierung oder Großen Freundschaft (1949⁓1955), in der Stalin die imperiale Idee des Sowjetimperiums personifizierte. Auf der realen Seite stand die Pflichtmitgliedschaft, die formal freiwillig war, aber mit erheblichem sozialen Druck verbunden. Wer nicht Mitglied werden wollte, musste dies begründen. Verweigerung konnte zu Nachteilen führen. Die meisten traten ein, um Ärger zu vermeiden. Die meisten Mitglieder waren passiv und besuchten nie eine DSF-Veranstaltung.50 Jan C. Behrends identifiziert in seiner Studie Die erfundene Freundschaft drei Faktoren, die den Erfolg der Freundschaftspropaganda verhinderten: die Macht des kollektiven Gedächtnisses, das die negativen Besatzungserfahrungen nicht vergessen konnte; fehlende Gegenwartserfolge; und eine Propaganda, die einseitig auf politische Aufgaben ausgerichtet war statt auf die Empfänger.51

Das Iwan-Stereotyp speiste sich aus drei Quellen: der NS-Propaganda vom slawischen Untermenschen, den Kriegserfahrungen von 1945, und der fortdauernden räumlichen Trennung, die jede Korrektur des Feindbildes verhinderte. Die sowjetische Besatzungsmacht stieß, so die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, auf die größten Vorbehalte in der Nachkriegsbevölkerung ⁓ nicht zuletzt aufgrund rassistischer Vorurteile und Ängste.49 Der enorme diskursive Aufwand, den der Staat in die Sprachregeln für den Umgang mit dem sowjetischen Sieger investierte, zeigt die Tiefe dieser Distanz.

Als die Mauer fiel, lebten knapp 94.000 Vertragsarbeiter in der DDR. Die meisten verloren innerhalb weniger Monate ihre Arbeit und ihren Aufenthaltsstatus. Viele wurden zurückgeschickt. Viele, die blieben, traf die Gewalt.

Am 17. September 1991, weniger als zwei Jahre nach dem Mauerfall, überfielen rechte Skinheads in Hoyerswerda vietnamesische Zigarettenhändler und trieben sie in ihr Wohnheim zurück. In den folgenden Tagen griffen sie täglich das ehemalige Vertragsarbeiter-Wohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße an ⁓ unter Beifall der einheimischen Bevölkerung. Zeitweise standen bis zu 500 Personen vor den Häusern. Am 23. September kapitulierte der Staat vor der Gewalt und evakuierte die Bewohner.52 32 Menschen wurden verletzt. Die Evakuierung wurde als Erfolg der rechten Szene interpretiert und erzeugte den öffentlichen Eindruck einer ausländerfreien Stadt Hoyerswerda.53 Die Angriffe richteten sich gegen die ehemaligen Vertragsarbeiter ⁓ die Menschen, die die DDR ins Land geholt, segregiert und nach der Wende im Stich gelassen hatte.52

Das Sonnenblumenhaus ist ein elfgeschossiger Plattenbau im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Im Eingang 19 lebten 1992 etwa 100 ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. Ein Jahr später, vom 22. bis 26. August 1992, wiederholte sich das Muster in Rostock-Lichtenhagen. Am Samstag begannen Hunderte, Steine auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber zu werfen. Am Sonntag kamen Molotow-Cocktails zum Einsatz. Zwischen 1.000 und 1.200 Personen beteiligten sich. Am Montag, nach Evakuierung der Aufnahmestelle, wurde das angrenzende Wohnheim der Vietnamesen in Brand gesetzt. Über 100 Vietnamesen und ein ZDF-Fernsehteam befanden sich im Gebäude. Die Polizei zog sich zeitweise vollständig zurück. Bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer behinderten den Einsatz von Polizei und Feuerwehr.54 Die Bewohner befreiten sich in der Nacht vom 24. auf den 25. August selbst aus dem brennenden Gebäude. Sie wurden mit zwei Bussen aus Lichtenhagen evakuiert, nach mehrstündiger Fahrt mit wenig Polizeischutz in einer Turnhalle untergebracht.54 Die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen gelten als die schwersten rassistischen Angriffe in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.54

Die Linie von den elf nigerianischen Studenten in Leipzig 1951 über das UASA-Beschwerdeschreiben 1965, das Erfurter Pogrom 1975, die Wohnheime der Vertragsarbeiter, die Skinheads in der Zionskirche 1987, bis nach Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 zieht sich über vier Jahrzehnte. Der Rassismus der DDR hatte drei Gesichter: den alltäglichen Rassismus gegen Afrikaner, Asiaten und Araber, den die Bevölkerung praktizierte und der Staat verleugnete; den staatlich organisierten Rassismus gegen Vertragsarbeiter ⁓ Kasernierung, Kontaktverbote, Beziehungsverbote, Zwangsabtreibungen, Lohneinbehaltung; und die antirussischen Ressentiments, die der Staat mit einer Propaganda überdeckte, der die Bevölkerung nicht glaubte. In allen drei Fällen funktionierte derselbe Mechanismus: Was nicht sein durfte, wurde unsichtbar gemacht. Die Dimitrov-Formel, die den Faschismus als Produkt des Kapitalismus definierte und damit im Sozialismus für unmöglich erklärte, machte den Staat blind für die eigene Gesellschaft. Es war nicht die Abwesenheit von Rassismus, die die DDR auszeichnete. Es war die Abwesenheit des Begriffs dafür.


  1. Komitee der Union der afrikanischen Studenten und Arbeiter (UASA): Besorgnisse der Afrikanischen Studenten und Arbeiter in der DDR, Januar 1965. Abgedruckt als Primärquelle im Themenportal Europäische Geschichte, clio-online: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-60620 ↩︎ ↩︎

  2. Georgi Dimitrov, Bericht an den VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 2. August 1935. Die vollständige Definition lautete: „Der Faschismus an der Macht ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals." ↩︎

  3. Konrad-Adenauer-Stiftung: War die DDR ein „antifaschistischer" Staat? Diese Ideologie machte es unmöglich, Rassismus als gesellschaftliches Problem zu benennen: https://www.kas.de/en/web/extremismus/linksextremismus/war-die-ddr-ein-antifaschistischer-staat ↩︎

  4. Ann-Judith Rabenschlag: Arbeiten im Bruderland. Arbeitsmigranten in der DDR und ihr Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung, in: Deutschland Archiv, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, 15.9.2016: https://www.bpb.de/233678. Das Honecker-Zitat stammt von der Weltkonferenz gegen Rassismus in Genf, August 1978. Den Rademacher-Brief an Greß vom 24. Juni 1986 zitiert Rabenschlag aus dem Bundesarchiv (BArch, DQ3, 1809). ↩︎ ↩︎ ↩︎

  5. Eric Burton: Rassismuskritik im Realsozialismus. Zu einem Beschwerdeschreiben afrikanischer Studenten in der DDR, Themenportal Europäische Geschichte, clio-online, 2021: https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-50101. Der Fall des 1961 exmatrikulierten Studenten an der Humboldt-Universität ist dort als Zäsur im Umgang mit öffentlicher Rassismuskritik dokumentiert. ↩︎

  6. Sara Pugach: Eleven Nigerian Students in Cold War East Germany: Visions of Science, Modernity, and Decolonization, in: The Journal of Contemporary History 54, Nr. 3 (Juli 2019), S. 551⁓572. ↩︎

  7. Damian Mac Con Uladh: Studium bei Freunden? Ausländische Studierende in der DDR bis 1970, in: Christian Th. Müller / Patrice G. Poutrus (Hg.): Ankunft ⁓ Alltag ⁓ Ausreise: Migration und interkulturelle Begegnungen in der DDR-Gesellschaft, Köln 2005. ↩︎

  8. Rayk Einax: Im Dienste außenpolitischer Interessen. Ausländische Studierende in der DDR am Beispiel Jenas, in: Die Hochschule: Journal für Wissenschaft und Bildung 17, Nr. 1 (2008), S. 162⁓183. ↩︎ ↩︎

  9. Sophia Hoffmann: Arab students and the Stasi: Agents and objects of intelligence, in: Security Dialogue 52, Nr. 1 (2021), S. 62⁓78. Vgl. auch Bundesarchiv, Podcast Episode 11: Arabische Studenten als IM der Stasi (2020). ↩︎ ↩︎

  10. Sara Pugach: Agents of Dissent: African Student Organizations in the German Democratic Republic, in: Africa 89, Supplement S1 (Januar 2019), Cambridge University Press. ↩︎ ↩︎

  11. Eric Burton: Rassismuskritik im Realsozialismus, clio-online 2021. Burton stellt fest, dass das Bewusstsein für Rassismus als gesellschaftliches Problem auf ostdeutscher Seite kaum entwickelt war. ↩︎

  12. Bundeszentrale für politische Bildung: Zwischen Rückkehr in die Heimatländer und Existenzsicherung vor Ort: https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/migrantische-perspektiven/325194/ ↩︎

  13. HU Berlin Projekt: Unterbringung/Wohnheime: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/migrationddr/migration-in-die-ddr-und-brd/projekte/vietnam/altes/unterbringung ↩︎ ↩︎

  14. Zum Kontaktverbot und den Abschiebungsregeln vgl. den Eintrag Vertragsarbeiter in der englischen Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Vertragsarbeiter ↩︎

  15. Ausländergesetz der DDR vom 28. Juni 1979, Gesetzblatt der DDR Teil I, Nr. 17 vom 2. Juli 1979, § 6. Volltext: https://www.verfassungen.de/ddr/auslaendergesetz79.htm. Die Vorgängerverordnung von 1957 garantierte noch das Recht auf Aufenthalt „an jedem Ort der DDR beliebig lange"↩︎

  16. Verordnung über Eheschließungen vom 30. November 1988, Gesetzblatt der DDR 1988, Teil I, S. 274. In Kraft ab 1. Januar 1989. Vgl. https://www.auslaender-in-der-ddr.com/home/ehen-partner-freunde/verordnung-%C3%BCber-eheschlie%C3%9Fungen/ ↩︎

  17. Marcia C. Schenck: Remembering African Labor Migration to the Second World, Palgrave Macmillan, 2023 (Open Access): https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-06776-1. Schenck untersucht die Verhandlungen zwischen DDR, Mosambik und Angola über die bilateralen Abkommen. ↩︎

  18. Bundeszentrale für politische Bildung: Vertragsarbeiterinnen in der DDR: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/548449/vertragsarbeiterinnen-in-der-ddr/ ↩︎

  19. Interview mit der vietnamesischen Vertragsarbeiterin Thanh, HU Berlin Projekt Migration in die DDR (und die BRD): https://www.projekte.hu-berlin.de/de/migrationddr/migration-in-die-ddr-und-brd/projekte/vietnam/altes/abtreibung ↩︎

  20. taz: DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik: Warten auf Lohn seit 34 Jahren: https://taz.de/DDR-Vertragsarbeiter-aus-Mosambik/!6040584/ ↩︎

  21. Deutscher Bundestag: Entschädigung von DDR-Vertragsarbeitern aus Mosambik: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-945228 ↩︎

  22. Visual History: Für Entschädigungszahlungen an die ehemaligen mosambikanischen Vertragsarbeiter: https://visual-history.de/en/2021/04/13/offener-brief-entschaedigung-madgermanes/ ↩︎

  23. DWDS: Fidschi ⁓ Schreibung, Definition, Bedeutung: https://www.dwds.de/wb/Fidschi. Der Begriff war ausschließlich in der DDR bzw. den neuen Bundesländern gebräuchlich. ↩︎

  24. IDZ Jena: Rassismus, Vertragsarbeit, DDR, Mosambik: https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd11-10 ↩︎ ↩︎

  25. DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland): Vertragsarbeiter in der DDR: https://domid.org/en/news/contractwork-in-the-gdr/ ↩︎

  26. Hans-Jürgen Rother: Strickmaschinen und Vertragsarbeiter. Unbeabsichtigte Nebeneffekte der Beschäftigung ungarischer Vertragsarbeiter in der DDR, in: Deutschland Archiv, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, 10.3.2012: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/126641/strickmaschinen-und-vertragsarbeiter/ ↩︎

  27. Bundeszentrale für politische Bildung: Rassistische Ausschreitungen in Erfurt 1975: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/569624/rassistische-ausschreitungen-in-erfurt-1975/ ↩︎ ↩︎

  28. Amadeu Antonio Stiftung: Nach 50 Jahren: Gedenken an rassistische Hetzjagd auf Vertragsarbeiter in Erfurt: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/nach-50-jahren-gedenken-an-rassistische-hetzjagd-auf-vertragsarbeiter-in-erfurt-145907/ ↩︎

  29. Harry Waibel dokumentierte den Fall erstmals 2016. Vgl. doing-memory.de: Racist Violence in the GDR: The Murder of Delfín Guerra and Raúl García Paret in Merseburg: https://doing-memory.de/en/racist-violence-in-the-gdr-the-murder-of-delfin-guerra-and-raul-garcia-paret-in-merseburg/. Der MfS-Vermerk vom 16. Oktober 1979 ist dort dokumentiert. ↩︎

  30. Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv: Rassismus im DDR-Alltag: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/rassismus-im-ddr-alltag/. Die Zitate aus dem Stasi-Verhör und dem Urteil des Kreisgerichts Bad Doberan vom 20. Juni 1968 sind dort dokumentiert. ↩︎ ↩︎

  31. Bundeszentrale für politische Bildung: Lehren und Lernen unter MfS-Kontrolle: https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218425/lehren-und-lernen-unter-mfs-kontrolle-laehmung-der-universitaeten/ ↩︎

  32. Stasi-Mediathek: Einschätzung über die in der DDR existierenden Skinheads: https://www.stasi-mediathek.de/medien/einschaetzung-ueber-die-in-der-ddr-existierenden-skinheads/ ↩︎

  33. Bundeszentrale für politische Bildung: Vertuschte Gefahr: Die Stasi & Neonazis: https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218421/vertuschte-gefahr-die-stasi-neonazis/ ↩︎ ↩︎

  34. Bundeszentrale für politische Bildung: Mit schwachem Schild und stumpfem Schwert: Staatssicherheit und rechtsextreme Skinheads in Potsdam 1983⁓1989: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/169248/mit-schwachem-schild-und-stumpfem-schwert-staatssicherheit-und-rechtsextreme-skinheads-in-potsdam-1983-1989/ ↩︎ ↩︎

  35. taz: Die Nacht der Nazis in der Zionskirche: https://taz.de/Die-Nacht-der-Nazis-in-der-Zionskirche/!822447/ ↩︎ ↩︎

  36. Berlin rechtsaußen: Überfall auf Zionskirche ⁓ Zäsur im Umgang mit Neonazis in der DDR: https://rechtsaussen.berlin/2017/10/ueberfall-auf-zionskirche-zaesur-im-umgang-mit-neonazis-in-der-ddr/ ↩︎

  37. Jeff Hayton: Krawall in der Zionskirche: Skinhead Violence and Political Legitimacy in the GDR, in: European History Quarterly 45, Nr. 2 (April 2015), S. 336⁓356. ↩︎

  38. GRIN: Rechtsextreme Orientierungen unter Jugendlichen in Ostdeutschland: https://www.grin.com/document/101488. Die Studie wurde vom Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) in Leipzig 1988 durchgeführt und erst im April 1990 veröffentlicht. ↩︎

  39. Harry Waibel: Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED: Rassismus in der DDR, Peter Lang, Frankfurt 2014. Waibel hatte Zugang zu 1.500 unveröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. ↩︎

  40. Berliner Zeitung: DDR-Vertragsarbeiter: Verfehlte Rassismusvorwürfe und blinde Flecken der BRD: https://www.berliner-zeitung.de/open-source/ddr-vertragsarbeiter-verfehlte-rassismusvorwuerfe-und-blinde-flecken-der-brd-li.2221937 ↩︎

  41. Christoph Wowtscherk: Skinheads und Faschos ⁓ Rechtsextreme Jugendliche in der DDR, GRIN Verlag: https://www.grin.com/document/92216 ↩︎

  42. BAG Kritisches Recht: Rechtsextremismus in der DDR; Ursachen und Kontinuitäten: https://bagkr.de/wp-content/uploads/2018/07/Rechtsextremismus-in-der-DDR-Ursachen-und-Kontinuit%C3%A4ten.pdf ↩︎ ↩︎

  43. Wikipedia: Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland: https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_der_Sowjetischen_Streitkr%C3%A4fte_in_Deutschland ↩︎ ↩︎

  44. Wikipedia: Nationale Volksarmee: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee ↩︎

  45. Wikipedia (EN): Group of Soviet Forces in Germany: https://en.wikipedia.org/wiki/Group_of_Soviet_Forces_in_Germany. Die Gesamtzahl umfasst 540.000 Offiziere, 180.000 Fähnriche und 5.380.000 Soldaten und Unteroffiziere. ↩︎

  46. Silke Satjukow: Besatzer: „Die Russen" in Deutschland 1945⁓1994, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. Habilitationsschrift. Satjukow beschreibt die Entstehung der russischen Dörfer als erste zuverlässige Grenze zwischen Besatzern und Besetzten. ↩︎ ↩︎

  47. Zu Wünsdorf vgl. Russia Beyond DE: Aufstieg und Verfall von Wünsdorf: https://de.rbth.com/geschichte/86821-wuensdorf-sowjetische-truppen-armeestuetzpunkt-geisterstadt; Travelbook: Die einst verbotene Stadt Wünsdorf: https://www.travelbook.de/orte/lost-places/wuensdorf-die-verbotene-stadt-in-brandenburg ↩︎

  48. Moskauer Deutsche Zeitung: Sowjetsoldaten in der DDR ⁓ Freunde, die keine sein konnten: https://mdz-moskau.eu/sowjetsoldaten-in-der-ddr-freunde-die-keine-sein-konnten/ ↩︎

  49. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung: Befreier, Besatzer, Freunde: https://www.politische-bildung-brandenburg.de/themen/ddr/befreier-besatzer-freunde ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  50. Wikipedia: Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%BCr_Deutsch-Sowjetische_Freundschaft. Zur faktischen Pflichtmitgliedschaft vgl. auch Jugendopposition.de: https://www.jugendopposition.de/lexikon/sachbegriffe/148377/gesellschaft-fuer-deutsch-sowjetische-freundschaft-dsf ↩︎ ↩︎ ↩︎

  51. Jan C. Behrends: Die erfundene Freundschaft: Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR (1944⁓1957), Zeithistorische Studien Bd. 32, Böhlau Verlag, Köln 2006. ↩︎

  52. hoyerswerda-1991.de: Webdokumentation der Ausschreitungen: https://www.hoyerswerda-1991.de/1991/angriffe.html ↩︎ ↩︎

  53. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung: Hoyerswerda 1991 im Kontext: https://www.slpb.de/blog/hoyerswerda-1991-im-kontext-eine-kurze-historische-einordnung ↩︎

  54. Bundeszentrale für politische Bildung: 33 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/512245/33-jahre-nach-rostock-lichtenhagen/ ↩︎ ↩︎ ↩︎